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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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des Lagers zu übernehmen und die Geheimbefehle Himmlers auszuführen. In­zwischen waren mehr und mehr SS - Leute abgerückt. Es befanden sich vor­wiegend nur noch die düstersten, verbissensten und zu allem entschlossenen Teufelskerle bei uns.

Aber die Entfernung von Maransanio und Wernicke aus ihren Posten be­deutete einen ganz großen Erfolg für die aktiven Antifaschisten in unserem Lager und zeigte gleichzeitig an, daß die Allmacht der Banditen gebrochen war. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß keine Gefahr mehr vorhanden war. Sie war größer denn je. Die SS kämpfte jetzt um ihr Leben, sie hatte keine Aussicht mehr auf Entkommen und war darum bereit, das Lager zu verteidigen und jeden Befehl ihrer Leitung auszuführen. Es befand sich also gewissermaßen eine Atombombe im Lager, die allstündlich losgehen und uns alle vernichten

konnte.

Die SS und ihre Kreaturen hatten nur taktisch einen Miẞerfolg erlitten, weil sie nicht imstande waren, auch nur das Notwendigste zu organisieren. Sie standen der Entwicklung machtlos gegenüber, wurden unsicher und verworren, beherrschten die Lage nicht mehr, und dadurch gelang es uns, sie zu über­spielen und bestimmend einzugreifen. Seit langem gab es im Lager illegale Arbeit politischer Häftlinge, die sich unter großen Gefahren, Schwierigkeiten und Menschenopfern vollzog. Was manche energische und zielbewußte, poli­tisch geschulte Kameraden da getan haben, gehört zu den großen und hero­ischen Leistungen der Menschheitsgeschichte. Ihnen ist es letzten Endes zu verdanken, daß nach langem Hangen und Bangen die Tragödie für die letzten dreiunddreißigtausend Überlebenden noch einen günstigen Verlauf nahm.

Es war alles gut durchorganisiert und bedacht. Die Brüder Hubmann weihten mich ein. Nicht in allen Teilen, aber in manchen. Es erhielt jeder seine Aufgabe zugewiesen. Sie selber eine der schwersten.

Nur wenige von uns kannten die große Gefahr, in der die vielen tausend wehrlosen Menschen schwebten, nur wenige wußten einigermaßen Bescheid über das, was vorging und geplant war. Der Gauleiter von München hatte einen Befehl herausgegeben, falls die Evakuierung des Lagers nicht gelänge, alles zusammenzuschießen. Ein ehemaliger Lagerkommandant Weiß, der dafür bekannt war, daß er mit den Häftlingen milde umging, wurde beauftragt,

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