Fäulnis über. Schreckliches Gebein aufeinandergetürmt. Knochenarme und -beine streckten sich zum Himmel, eine furchtbare Anklage.
Und Gott schweigt. Die Tage vergingen, die Menschen vergingen. Unbarmherzig wurden sie ihrem schrecklichen Schicksal überlassen, in der Mahlmühle des Teufels zermalmt. Niemand kümmerte sich um sie, kein Gott und kein Mensch. Wir selber konnten einander nicht mehr helfen. Wir waren zu schwach und zu stumpf dazu. Wer fiel, blieb liegen. Man stolperte darüber, achtete nicht, ob es eine Leiche oder ein Halbtoter war. Wer an der Arbeitsstelle zusammenbrach, wurde liegen gelassen. Es war nicht erlaubt, sich bei der Arbeit eines Sterbenden anzunehmen.
In den Monaten Januar bis März 1945 starben ungefähr vierzehntausend Häftlinge in Dachau . Nach der Besetzung fanden die Amerikaner in und vor dem Krematorium dreitausendfünfhundert Leichen vor. Zweitausend lagen im Güterzug, neunhundert im Revier. Insgesamt sind schätzungsweise zweihunderttausend Menschen allein in Dachau ums Leben gekommen, qualvoll und verlassen, ohne geistlichen Zuspruch, in Dreck und Elend. Verhungert, verseucht, zu Tod gemartert. Hat denn die Welt wirklich Raum genug für diese Berge von Qual und Leid, für diese Meere von Blut und Tränen?
Einsam und schaurig war das Sterben. Einsam und schaurig war das Leben für uns Überlebende. Die Eingeweide krampften sich vor Hunger, Läuse plagten uns, Wechsel der Wäsche gab es nicht mehr. Es wurde nicht gewaschen, es gab keine Waschmittel. Wir erstarrten in Schmutz und Unflat.
Immer neue Transporte kamen. Tag und Nacht. Ich wurde ein paarmal mit anderen Kameraden kommandiert, die Häftlinge von den Transporten in Empfang zu nehmen. Die meisten wankten halbtot aus den Wagen heraus. In Kälte und Regen waren sie oft tagelang unterwegs gewesen, ohne Verpflegung. Die Eisenbahnstrecken waren bombardiert und unterbrochen, die Transporte auch von Tieffliegern vielfach heimgesucht. Eine Woche und länger saßen die Unglücklichen oft in den Viehwagen. An Verpflegung hatte jeder ein halbes Kommiẞbrot mitbekommen. Und dann war's aus. Jeder Transport führte Tote mit sich. Keiner lebte mehr richtig. Lauter Gezeichnete, Gemarterte, Halb- oder Ganzverhungerte.
Und dann das Schrecklichste; ich kann es fast nicht berichten: Aus einem Zug luden wir Leichen aus, denen Fleischteile herausgerissen waren. Verstört
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