Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
235
Einzelbild herunterladen

Sollten die Insassen des Lagersliquidiert werden? Wir wußten, Himmler | hatte Befehl gegeben, uns alle zusammenzuschießen, wenn nichts anderes mehr I übrig bliebe. Man hielt es zweifellos für gut, bereits einige Vorarbeit zu leisten. Je mehr an Hunger und Typhus zugrunde gingen, desto weniger brauchte man nachher zuliquidieren. So schien es uns, daß der Lagerführer und seine Spießgesellen bewußt nichts gegen das Massensterben unternahmen und sogar mehr denn je zuvor mit Erschießungen, Vergasungen, Mord und Totschlag dem allgemeinen Untergang nachhalfen. An manchen Stellen hielten SS -Männer Keulen bereit. Wenn die Opfer nach Vergasung noch Lebenszeichen gaben oder wenn sie sich sonst zwischen den an Hunger oder Typhus Ver- endeten in den letzten Todeszuckungen regten, gaben die Unmenschen ihnen mit den Keulen den Rest. Wieviele mögen auch noch lebend in den Leichen- bergen mit beiseitegeschafft worden sein!

Erschöpft und innerlich ganz verstört sank ich nach den grausigen Erleb- nissen des Tages abends ins Bett. Der Muselmann lag still und brav wie eine Wachspuppe neben mir. Ich konnte ihm manchmal etwas zu essen besorgen. Er war aber schon so schwach, daß er das Genossene meist erbrach. Aber er war so dankbar. An seinen leisen Bewegungen merkte ich das. Und ich war dank- bar für seine menschliche Nähe. Er hatte noch ein Gefühl, hier war ein Etwas, das mir zugeneigt war, das mir einen freundlichen Gedanken schenkte. Er sprach fast nichts. Ich brachte ihm eine Suppe und löffelte sie ihm in den Mund.Daß du aber nicht spuckst! mahnte ich ihn. Dann legte ich mich zu ihm. Er nahm meine Hand und so schliefen wir ein.

Als ich morgens erwachte, fuhr ich jäh zusammen. Eine kalte Totenhand hielt meinen Arm umklammert. Ich faßte ihn an. Er war steif und kalt. Ich hatte neben einer Leiche ‚geschlafen.;

|Wieder sechs, heute, sagte der Blockälteste, dem ich Meldung machte. 4Aber wir sind ja noch vierhundertachtzehn auf der Bude, normal belegt ist sie sonst mit hundertzwanzig bis hundertfünfzig Mann.

Vor den Baracken wurden die Leichen abgelegt. Der Haufen blieb in der letzten Zeit oft zwei, drei Tage liegen, ehe er abgebaut wurde. Ein süßlicher Verwesungsgestank erfüllte die Luft. Wie Holzscheiter waren die Leichen kreuz und quer übereinandergelegt. Sie liefen grünlich-blau an, gingen in

235