Sein Nachfolger Deffner war, obwohl auch ein eitler, größenwahnsinniger Wicht wie alle, doch bedeutend besser. Er spielte sich natürlich auch als Diktator und Herr über Leben und Tod auf, doch wirkte sich seine Herrschaft nicht so wild und barbarisch aus wie die seines Vorgängers.
Dafür wurden die Verhältnisse an sich immer schlechter. Es war Ende 1944. Die Zeichen des Zusammenbruchs mehrten sich. Man spürte, daß es dem Ende zuging, daß die Krise bald eintreten würde, die über unser Sein oder Nichtsein entschied. Die Verpflegung wurde schlechter. Die Zufuhr stockte. Es klappte hinten und vorne nicht mehr. Das wirkte sich auch auf die Laune der SS aus, die immer böser wurde. Viele von ihnen ließen sich gehen, wurden gleichgültig und nachlässig im Dienst, manche machten bereits den Versuch, sich mit den Häftlingen gut zu stellen, andere wieder wurden noch gewalttätiger und brutaler.
Fast jeden Tag hatten wir in der Mittagszeit Fliegeralarm. Die Häftlinge suchten dann die Splittergräben auf. Ich blieb in der Küche. Diese befand sich fast einen Kilometer vom Lager entfernt in einem Bauernhaus, weil die Küche im Lager noch nicht fertig war. Sie wäre wohl auch nie fertig geworden, selbst wenn wir noch jahrelang hier geblieben wären, denn es fehlte damals schon an mancherlei Material, das man zur Einrichtung einer Küche braucht.
Tag für Tag zogen die Hunderte von schweren Bombern ruhig und unangefochten über uns weg, nach München , Augsburg , Stuttgart , Ulm . Wir ahnten, daß sie auch uns nicht vergessen würden. Und richtig, einmal gegen Mittag, waren sie da. Ich stand vor der Küche und sah, wie die schwarze Masse drohend auf uns einschwenkte, von der üblichen Richtung abweichend. Die Bomber flogen nicht hoch, beängstigend senkte sich die dunkle Wolke herunter. Es rauschte unheilverkündend in den Lüften.
Der Küchenchef Feuser, der den Rußlandfeldzug mitgemacht hatte, sagte: ,, Max, paß auf, das gilt uns!"
Da hörte ich es schon sausen und singen und pfeifen. Ich sah die Fabrikgebäude wanken, eine Stein- und Staubwolke in die Luft gehen, warf mich zu Boden. Die Bombeneinschläge kamen näher. Ich sprang wieder auf, rief: ,, Küche raus!" und rannte mit dem gesamten Küchenpersonal an den Bach, der in etwa fünfzig Meter Entfernung vorbeifloß. Wir sprangen alle ins Wasser. Durch die Senke und die Uferböschung hatten wir doch ein bißchen Deckung.
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