Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
208
Einzelbild herunterladen

finden. Siebzig Liter zubereiteter Gulasch auf fünftausendsiebenhundert Liter Mittagessen, da kann man sich vorstellen, wieviel Fleisch auf jeden Häftling entfiel.

Laut Speisekarte wurde pro Mann und Tag für die Essenzubereitung fünf­zehn Gramm Margarine berechnet. So viel stand bei weitem nicht zur Ver­fügung. Das kam also in den Kessel rein, dazu geschnittenes Kraut und Kar­toffeln. Und mit diesem Fraẞ sollten die armen Schlucker dann zwölf Stunden am Tag schwer arbeiten.

Mittags und manchmal auch abends kam der Küchenchef von der SS her­über, um pflichtgemäß die Speisen für die Häftlinge zu probieren. Er sagte immer: ,, schmeckt gut", und das wurde dann ins Befundbuch eingetragen. Ich habe aber nie gesehen, daß er einen zweiten Löffel voll zum Munde führte. So schnell er bei uns fertig war, so lange hielt er sich meistens im Zimmer unseres Kapos Wolf auf, der zu gewissen Stunden die Kostverteilung zurecht­machte, oder bei Katschmarek, der die Wurstportionen schnitt. Und nach einem besonders lang ausgedehnten Besuch konnte man feststellen, daß die Wurst ziemlich weniger geworden war. Das wurde dann unter Schwund" gebucht. Wenn die Wurst im Eisschrank hängt, dann tropft sie und gibt Wasser ab. Dadurch verringert sich ihr Gewicht. Man nennt das Schwund" und kalku­liert es in den Haushaltsplan ein.

So hat der Küchenchef sich gewiß manche Wurst mitgenommen und den Häftlingen weggegessen. Und das war dann eben Schwund, der sich allerdings nicht am Bauch des Küchenchefs, sondern an dem der Häftlinge auswirkte, an ihrer kargen Portion zum Abendbrot, die aus einer kaum zentimeterdicken, handtellergroßen Scheibe Wurst bestand.

Auch unser Lagerführer Jarolin, der ehemalige Straßenpolizist in München , und sein Komplize, der Hauptscharführer Eberle, sorgten dafür, daß immer außerplanmäßig viel Schwund vorhanden war. Der Eberle war damals Rapport­führer; er hatte ein schiefes Gestell und humpelte. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er oft nach Feierabend, wenn ich noch etwas zu tun hatte, mit dem Spieß­gesellen hereinkam, lächelnd und unverschämt. Beide hatten die Hände in den Hosentaschen, der Jarolin wälzte von Zeit zu Zeit die Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen.

208

,, Na, Wolf, was gibt's heute Neues und Gutes?"