pinseln zu lassen. Abends im Bett hatte ich leichtes Fieber. Der Blockälteste drückte ein Auge zu, daß ich eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit in die Falle stieg. Die andern kümmerten sich kameradschaftlich um mich. ,, So kann man ins Unglück kommen", sagte ein Muselmann mitleidig. Es verwunderte mich, daß anscheinend viele von uns willens waren, dies alles als eine Art Unglück hinzunehmen, als ein unvermeidbares Übel und Unheil, in das ein Mensch schicksalhaft hineingerät. Von Haß und Empörung über die Willkür und Missetat sadistisch entarteter Verbrecher war wenig zu spüren.
Am nächsten Tag erhielt ich den Strafbefehl: Zwei Tage Stehbunker ohne Essen. Grund: Verstocktes Leugnen eines Vergehens. Ich wurde als einziger zu dieser besonderen Strafe verurteilt, weil an meinem Feuer die Drahtwerkzeuge angefertigt worden waren, und ich daher für das fluchwürdige Verbrechen verantwortlich gemacht wurde.
Ich wurde von einem SS- Mann an den Bunker gebracht, in eine dunkle Zelle hineingestoßen. Ein Loch, anderthalb. Meter hoch und nicht so breit, daß man sich auch nur rumdrehen kann. Gebückt mußte ich stehen, es bestand keine Möglichkeit, sich zu setzen. Es fiel kein Licht herein. Durch kleine Öffnungen in der Decke wurde spärlich Luft zugeführt. In diesem Sarg zweimal vierundzwanzig Stunden zubringen, bedeutet mehrere Tode sterben. Es mußten manche aber acht und zehn Tage aushalten. Viele haben weiße Haare, wenn sie nach dieser Folter aus der geöffneten Zelle herausfallen. Viele haben sich neurotische Leiden zugezogen, sind nervenkrank für ihr Leben.
Wie noch nie einer aus einem Grab heraus einen Bericht gemacht hat, so kann auch ich von der Zeit meines Lebendigbegrabenseins kaum berichten. Man ist da nicht mehr der Mensch namens soundso. Man fühlt sich nicht mehr als sich selbst. Man ist eine tierische Kreatur, die leidet, sonst nichts. Die eine ganze Skala von Qualen durchlebt. Angst, Entsetzen, Beklemmung, Verzweiflung, Irrsinn, dumpfes Dahindösen, Gefühle und Bedrängnisse, die sich als unheimliche Ahnungen bisweilen in Alpträumen andeuten.
Aber ich verlor das Bewußtsein und den Willen zum Leben auch hier nicht. Nach zwei Tagen torkelte ich heraus, fiel lang hin zu Boden. Die rohen Fäuste und Schimpfworte der SS - Männer brachten mich zum Leben zurück. Langsam kam ich zu mir, staunte in die Welt, sog gierig die Luft ein, befühlte meine
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