Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
195
Einzelbild herunterladen

der ist diesmal gut weggekommen. Ich dachte, er kriegt als Russe hundert, und man macht ihn fertig. Alle Achtung, er ist ein Kerl. Keinen Laut hat er von sich gegeben. Der Junge ist eisern. Aber verdammt, ich glaube, ich habe meinen Zehen erfroren. Ich will nichts mehr wissen, sehen und hören.

Die Deutschen wegtreten!"

Im Laufschritt kehrt marsch. Kümmere sich jeder um sich. Hinter mir der Tag, die Strapazen, die toten und kranken Kameraden, der zerprügelte Russe, die Menschenschuttabladestelle am Revier. Hol alles der Teufel. Jedes Gefühl ist in mir erstorben. Mitleid mit den Gepeinigten sowohl wie Empörung über die Peiniger. Es sind alles keine Menschen mehr. Nur noch Kreaturen, die unter Kreaturen leiden, alle miteinander Opfer einer Katastrophe, einer Sintflut. Menschendämmerung. Rette sich wer kann!

Sintflut, ja, so etwas denke ich. Und da, vor mir die Baracke, sie ist wie die Arche Noah. Dort drin bin ich geborgen. Ich gehöre zu den Glücklichen, die darin aufgenommen werden, die geschützt sind vor Kälte, Sturm und allerlei Unbill. Vielleicht kommt morgen die Taube mit dem Olzweig und wir können trocken hinaus. Phantasiere ich schon wieder? Es wird doch nicht wieder so'n Dreckzeug mit Fieber unterwegs sein?

O herrlich, die Baracke ist heute geheizt. Das Essen wird ausgegeben, also, es gibt doch Kaffee mit Brot und Margarine. Fein. Man taut auf und kriegt etwas Stimmung. Wie der Mensch doch gleich wieder obenauf und zuversicht­lich ist, wenn es ihm ein winziges bißchen besser geht!

Der Blockälteste kläfft. Aber sein lärmender Befehl: ,, Verhaltet euch ja ruhig, ich will keinen Laut hören!" wäre nicht nötig. Alle sitzen von selbst still und ruhig da, schneiden ihr Brot, zwei, drei Stücke, streichen sich bedächtig und sorgsam einteilend die Margarine drauf, kauen mit Behagen. Manche schmatzen gewohnheitsmäßig beim Essen, schlürfen allzu vernehmlich ihren Kaffee. Es wird nicht gesprochen. Alle sind dem Essen mit Andacht und innerer Teil­nahme wie einer kultischen Handlung hingegeben. Es herrscht Friede und Eintracht in dieser guten Stunde, die auch später, nach dem Essen, Geschirr­spülen und Reinigen nachwirkt. In Gruppen sitzen sie beieinander, suchen Wärme, obwohl es ganz gut geheizt ist, Wärme beim Menschen. Sie drängen sich aneinander. Wie friedliche Tiere in der Herde sind sie. Alle, auch die unguten, streitsüchtigen, unverträglichen Kerle, die grobschlächtigen, krassen

195