Lagerleben
Der letzte Tag meiner Schonzeit war gekommen. Ein Sonntag. Sonntags hatten die Häftlinge freien Nachmittag und, wenn es gut ging, waren wir dann auch wenigstens einmal in der Woche für uns allein, konnten uns von den Stunden des Nachmittags eine Ruhestunde oder ein kleines geselliges Beisammensein erübrigen. Der größte Teil des Nachmittags ging aber, wie der Samstagnachmittag, mit Säuberungsarbeiten in den Baracken und Instandsetzung der Kleider und Schuhe hin. Es gab da meist verschiedene Appelle. Wir mußten heraustreten, Schuhe, Wäsche, Hose oder Geschirr vorzeigen. Defekte oder sonst schadhaft gewordene Sachen mußten auf der Kammer umgetauscht oder zum Ausbessern in die zuständigen Werkstätten getragen werden. Dort mußte man eine Stunde mit Warten zubringen, bis man drankam. Nach dem Appell und den damit verbundenen Sonderaufgaben kam der Befehl zu den großen Reinigungsarbeiten. Die Tische und Bänke wurden ins Freie gebracht und gescheuert, das Geschirr mit Sand ausgerieben, die Fußböden naß gewischt. Es gab alle Hände voll zu tun. Im Tagesraum mußten die Spinde geputzt werden, so blank, daß das Holz weißer war, als wenn es gerade vom Schreiner gekommen wäre. Wehe, wenn dem Blockältesten bei einer Kontrolle durch den Blockführer eine Rüge erteilt wurde, daß dieser oder jener Spind nicht sauber sei! Die Blockführer prüften raffiniert. Sie nahmen Eẞgeschirr und Trinkbecher aus dem Spind und fuhren mit einer Nadel in die Ritzen, wo vielleicht noch ein winziger Speiserest versteckt war oder wischten sie mit dem Finger über die Blende einer elektrischen Birne, die man beim Abstauben vergessen hatte. Eine Strafmeldung wegen Faulheit oder Unsauberkeit war die Folge: Arrest, Kostentzug, Strafarbeit.
179


