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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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die Achsel nehmen und ins Lager befördern. So hatten wir täglich zwanzig bis fünfundzwanzig Mann Verluste, Schwerkranke, von denen viele starben oder doch nicht wieder aufkamen.

Während meines Aufenthalts in Flossenbürg hatten wir durchschnittlich einen Lagerbestand von ungefähr sechstausend Häftlingen. Jede Woche kamen hundert bis zweihundert Häftlinge Zugang. Und doch blieb der Bestand immer der gleiche. Es starben aber damals schon in der Woche ein- bis zweihundert Menschen an Miẞhandlungen, Hunger, Kälte, Seuchen. Das war für die Lager­leitung eine einfache Rechnung: zweihundert Menschen kamen vorn herein und hinten gingen sie durch den Schornstein wieder hinaus. Da gab es nicht viel zu tun und zu besorgen. Das vereinfachte alle Probleme, die verwaltungs­technischen Fragen und praktischen Maßnahmen.

Ich muß jetzt manchmal darüber nachdenken, wie sehr der Mensch unserer Zeit gegen die Zahlen abgestumpft ist. Ob man von zehn- oder hunderttausend oder einer Million Toten spricht, macht gar keinen Eindruck auf ihn. Was das bedeutet, kann er nicht erfassen. Es ist lediglich eine Feststellung, daß es in Heilbronn bei einem nächtlichen Bombenangriff 32 000 Tote gab und in Dresden 320 000! Die Summe der infernalischen Dinge, die hinter diesen nichtssagenden Zahlen steht, kann niemand ermessen, ebensowenig wie sich jemand Vorstellungen von Billionen Lichtjahren machen kann und von all dem, was die astronomische Arithmetik in den Vorgängen des Weltalls errechnet. Es liegt aber nicht nur daran, daß, gemessen an den gigantischen Tragödien unserer Zeit, das Einzelschicksal unbedeutend wird und die großen Zahlen daher keine Begriffe mehr geben, sondern es liegt an der Begriffs- und Ge­fühlsverwirrung des Menschen selber, an seinem entarteten Egoismus, der ihn nur noch für sein eigenes Schicksal Interesse haben läßt, nicht mehr für das Schicksal seines Nächsten. Diese Interesse- und Teilnahmslosigkeit ist er­schreckend. Eine Million Polen ausgerottet? Fünfzigtausend Leichen ver­hungerter KZ- ler da und da entdeckt

mich genug zu denken und zu tun.

was betrifft mich das? Ich habe für

Welch eine Welt voll Qual und Leid hat mancher in den zwölf Jahren nazistischer Verbrecherherrschaft durchmachen müssen! Wieviele wurden zu Tode gemartert! Mit jedem einzelnen ging eine Welt zugrunde, ein Stück Schöpfung! Stelle dir zehn Menschen nebeneinander vor, die so elend um­

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