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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Am Morgen hinein in den Zug, dem ein Sonderwagen für uns angehängt war. Darin befanden sich lauter kleine Einzelzellen. Ich konnte mich in meiner Zelle eben herumdrehen, kaum bewegen. So ging es im dumpfen und trost­losen Alleinsein einer dunklen Zukunft entgegen.

In Weiden / Oberpfalz Halt. Wüstes Geschrei." Heraus, ihr Drecksäcke!" Klobige Gestalten der SS. Gedränge und Geschiebe. Ich fühlte einen Schmerz in der Seite. Es gab Schläge, Stöße mit den Gewehrkolben, Fußtritte. Alle suchten so schnell wie möglich das bereitstehende Auto zu erreichen, drängten hinein, stießen und quetschten einander, verwirrten sich zu einem Knäuel, in den die SS blindlings hineinschlug.

Das Auto war vollständig geschlossen, nur vorn am Führersitz und hinten kleine Fensterchen, durch die wir hindurchlugen konnten. Wir waren voll banger Spannung, wie das Ziel unserer unfreiwilligen Reise aussehen würde.

Es war der 27. August 1941, aber mehr oder weniger saß ich schon seit dem 26. Februar 1940. So lange hatte es gedauert, bis ich an dem schrecklich­sten Ort der Erde, wie man heute wohl sagen darf, in einem Hitlerschen Konzentrationslager, angelangt war.

Flossenbürg heißt die Burg mit dem kleinen Dorf, das unweit der böhmischen Grenze in einer Talsenke liegt. Wir fuhren durch das Dorf hindurch an der Burg vorbei und in einer scharfen Rechtskurve hinein ins KZ. Das Lager liegt in achthundert Meter Höhe in einem Sattel. Wahrscheinlich wurde es dort angelegt, damit die Häftlinge immer frische Luft haben. Solange ich dort war, pfiff der Wind durch dieses Loch und es war immer kalt und zugig.

Ein Blick noch zurück. Links konnte ich die groben Umrisse des ausgedehn­ten Steinbruchs erkennen, der für viele Monate meine Arbeitsstätte sein sollte. Das Auto hielt an, die Türen flogen auf und wir hinaus. Ich bin nie Soldat gewesen, und ich glaube, die Mehrzahl derer, die bei mir waren, auch nicht. Aber aus lauter Angst standen wir ruck- zuck in Reih und Glied, Gebrüll und Geschrei rings um uns. Ein paar, die nicht gleich in der Reihe standen, wurden übel zugerichtet, getreten, umgestoßen, übertrampelt.

Nach diesem huldvollen Empfang wurden wir an ein paar alte KZ.ler über­geben. Im Laufschritt mußten wir mit ihnen zum Appellplatz. Dort befand sich das Bad, unterhalb der Wäscherei. Im Bad mußten wir uns splitternackt ausziehen. Einige Häftlinge mit Scheren und Haarschneidemaschinen in den

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