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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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konnte das Verhör die ganze Nacht durch dauern, sechs, acht Stunden. Zog sich der eine Beamte zurück, so erschien prompt der andere und folterte mich mit den unentwegten Fragen weiter. Wurde ich endlich entlassen und sank ich dann taumelnd auf mein Lager, so kam es vor, daß man mich nach einer Stunde aus dem Schlaf weckte und wieder in die Folterkammer zum Verhör führte. Es war eine raffinierte Methode, die Gefangenen klein zu kriegen und gefügig zu machen.

Aber ich konnte ja nichts anderes aussagen, als das, was sie schon wußten. Das, was ich darüber hinaus gestehen sollte, gab ich auch in der schwersten Bedrängnis nicht zu, auch dann nicht, als ich durch die geistige und seelische Marter völlig ermattet und nicht mehr zurechnungsfähig war. Ich verlor die Fähigkeit, zu denken, sogar das Gefühl stumpfte ab. Ich spürte nicht mehr, wenn ich Rippenstöße oder Schläge bekam. Zu manchen Zeiten wankte ich wie im Delirium umher. Ich knurrte zum Schluß nur noch apathisch: ,, Nein" oder weiß nicht".

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Die Bestie fletschte dann manchmal die Zähne. ,, Wir werden dich schon noch zum Sprechen bringen, du verdammter roter Hund! Wir werden Mittel anwenden, daß du froh sein wirst, auf den Knien die Wahrheit zu sagen!" Sie versuchten es bisweilen mit plump- vertraulichem Zuspruch, dann wieder mit Drohungen oder Mißhandlungen. Sie unterhielten sich manchmal in meiner Gegenwart über die Methoden, die sie bei dem oder jenem angewendet hätten. Über Dinge, die zu berichten sich die Feder sträubt, sprachen sie in einem Ton, wie ein normaler Bürger etwa über den letzten Familienabend im Gesangverein ,, Eintracht" spricht.

Endlich schienen die Folterknechte an mir genug zu haben. Das Material hatte zweifellos nicht ausgereicht, um mich vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Ob das mein Glück war, möchte ich heute nicht bejahen. Denn was jetzt kam, war sicherlich schlimmer, als wenn ich zu ein paar Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.

Man legte mir ein Papier vor mit der Aufforderung, zu unterschreiben. Es war der Schutzhaftbefehl, unterzeichnet von Obergruppenführer Heydrich. In dem Schreiben hieß es unter anderem:... er hat das Reichsgebiet illegal verlassen und sich im Ausland als Emigrant und Gegner des nationalsozialisti­schen Staates und Feind Adolf Hitlers bezeichnet. Bei vorzeitiger Freilassung

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