Wir waren demnach interniert. Große Ereignisse warfen ihre Schatten
voraus. Im weiteren Verlauf unserer Reise schloß ich mich enger an den Landsmann
an. Eberhard von Nathusius war eine jener merkwürdigen Globetrotter- gestalten, wie man sie da und dort auf großen Reisen einmal trifft; Menschen, wie sie nirgendwo im seßhaften Bürgertum möglich wären; wunderliche Typen, deren ganzes Leben eine dauernde Pilgerfahrt über diesen Erdball ist, die ohne Ruhe und Rast unterwegs sind. Nathusius war ein großer stattlicher Mann in mittleren Jahren, vornehm und elegant, sicher und gewandt im Auftreten. Auffallend war sein lang. herabwallendes Haar, das er bisweilen hochsteckte und hinter einer. schwarzen Binde verbarg, wenn er im Abendanzug in der Gesellschaft erschien. Er war immer höflich und verbindlich. Doch konnte niemand einen Blick hinter die Kulissen seines äußeren, Daseins tun. Wie bei allen derartigen Existenzen war es auch bei ihm sehr schwer, ihn in seiner wahren Gestalt zu erkennen. Wovon lebte er, woher kam er, wohin ging er? Vielleicht war er ein Gelehrter oder ein Künstler, vielleicht aber auch ein Diplomat oder der Vertreter eines Wirtschaftskonzerns. Wer kann es wissen, ob er nicht gar ein Spion, Agent, Berufsspieler oder sonst ein Abenteurer war? Hier versagt manchmal sogar die Kunst eines großen Menschenkenners, der an Worten, Gebärden und scheinbar unwichtigen Einzelheiten oft erkennen kann, wen er vor sich hat. Kellner haben da bisweilen die beste Witterung. Sie wissen untrüglich, wie sie den Mann vor sich einzuschätzen haben, welcher Gattung Mensch und Beruf er zugehört.
Zu uns gesellte sich noch ein Schweizer namens Max Kübler, ein derber, vierschrötiger Mann, doch intelligent und gebildet, mit seiner Frau.
Das Schiff lief am 7. April 1939 im Hafen von Marseille ein.
Noch am selben Tag suchte ich den Grenzkommissar auf und trug ihm mein Anliegen vor.„Bedaure”, sagte er achselzuckend.„Ich kann Ihnen kein Visum geben und Ihnen auch keine Einreiseerlaubnis nach Paris erteilen. Im äußersten Falle will ich Ihnen ein Visum de transit sans arr&t zugestehen. Damit können Sie durch Frankreich in ein anderes Land ohne Aufenthalt und Umweg reisen.”
Ich stand wie vernichtet von dieser Eröffnung. Im Augenblick schienen mir Tete, Tahiti , meine Zukunft, ich selbst in einen wilden Strudel zu versinken.
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