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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Gespinst tänzerischer Bewegtheit, diesen ausdrucksvollen Gestaltungen der Seele, dieser Musik pflanzenhafter Menschenwesen. Ich bewege mich wie im Rausch; ich fühle einen Strom von dionysischer Lebensfreude in meinen Adern.

Kohlschwarz hängen die Haare der Frauen auf die braunen Schultern herab. Die Tänzerinnen sind mit Jasminkränzen geschmückt, haben weiße Tiare­blumen ins Haar gesteckt. Federnde Baströckchen umschmeicheln ihre Lenden.

Im weiten Umkreis der Palmen sitzen und stehen Gruppen junger Menschen, da und dort auch einzelne Mädchen oder Jünglinge, sie haben Bewegungen wie Kinder, sie singen und spielen, winden Blumen zu Kränzen.

Ich geselle mich fast absichtslos zu einer Gruppe junger Mädchen. Lächelnd reicht mir eine einen Kranz. Ich gebe ihr dafür einen Ring von meiner Hand. Ich schenke jeder etwas. Bei der letzten weiß ich nicht mehr, ob ich es ihr gab. Ich halte ihre Hand, sehe ihr in die Augen. Sie steht wie eine Waldelfe vor mir. Im Mondlicht ist sie magisch beleuchtet. Aber ich weiß, es ist nicht nur die Beleuchtung, der Reiz der Südseenacht. Ich sehe und fühle den Men­schen vor mir, eine wunderliche Kraft zieht mich zu ihr hin. Das ist keine Märchenfee, auch keine artfremde Tahitianerin, das ist ein Mensch von Fleisch und Blut wie ich, und doch mehr. Das ist etwas, erträumt und erlebt aus dem Blut, Erinnerung an Bindungen vielleicht in einem früheren Dasein.

Wir gehen etwas abseits, ich lege mich unter eine Palme, sie kauert sich neben mich, steckt mir eine Tiareblume ins Haar, flicht einen Kranz und hängt ihn mir um den Hals. Sie singt die Melodien der Tänzer mit und betrachtet mich dann stumm eine Weile. Ein unbeschreiblicher Zauber ist um mich, sie ist eine Blume, ein Hauch neben mir, nein doch, ein Mensch, dessen Nähe allein mich in ein betäubendes Glücksgefühl einhüllt.

Später treten wir heraus aus dem Blumenhain an den Strand. Das Mond­licht spielt über dem bewegten See; die Wellen glitzern, wie wenn eine unsicht­bare Hand silberne Dukaten über das Meer hinausstreute, zu den Korallen hinüber ein silbergleißender Teppich. Ich muß dem magischen Zwang wider­stehen, sie an der Hand zu nehmen und über diesen Teppich dahinzuschreiten zu seligen Fernen.

Ich lege mich wieder hin, sie setzt sich zu mir, nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. Ich schließe die Augen und die Welt ist in mir; alles, aber alles ver­

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