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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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den ,, Inseln im Winde", wie diese Südseeversprengsel genannt werden. Mild und gütig, unendlich wohltuend, schmeicheln die Passatwinde um diese Ge­stade. Inseln im Winde! Sie sind die Kinder dieser Winde, wie aus ihnen geboren worden. Duftzart und wie hingehaucht, Gebilde aus dem Flaum der Wolken und dem Atem der Luft, alles Leben auf diesen Inseln ist erfüllt von dem Atem des reinen Himmels. Selig in der Ferne ruhen weißdunkelnde Wolkenkissen, weißer noch stehen dagegen die Segel kleiner Schiffe; wunder­bar still und friedlich ist der Blick über die weite Fläche des Wassers. Das Meer rauscht seine ewige Melodie, fern tost die Brandung gegen Felsen. Die wunder­lichen Konturen der Berge mischen sich mit dem wolkendunklen Horizont. Näher steht die dunklere Wand des Waldes, der reale Durchbruch der Materie in diesem äthergeborenen Schaumgefüge aus Duft, Farbe, Melodie und Schönheit.

Einige Stunden schreite ich so durch Palmenhaine, Bananenstauden, Busch und Wiesen dahin. Der schwere Mantel des Waldes liegt auf den Bergen im Hintergrund. Die Sonne scheint tropisch heiß, aber balsamisch fächelt mich der Wind. Ein tiefes Glück ist in meinem Herzen, ein schöner Schwung der Seele erfüllt mich ganz.

An eine Palme gelehnt, stehe ich am Wasser, lange, lange. Man vergift hier Zeit und Stunde. Mein Blick schweift über die blanke Fläche zu dem äußeren Korallenriff, wo die Wogen des Meeres sich brechen, und leise tönt das Rauschen der schlagenden Wellen an mein Ohr. Eine süße Wehmut ergreift mich. In meiner frühen Jugend las ich einmal Gedichte von Lenau , die süßen, schwermütigen. Ich war damals vom seltsamen Zauber dieser Gedichte erfüllt, ganz so wie jetzt, wo ich das melancholisch- wundersame Gedicht einer traum­haften Wirklichkeit erlebe.

Darüber wird es Abend, Dämmerung fällt ein. Angenehme Kühle weht über dem Wasser herüber. Leise, stärker, stark, wieder leise tönen die fremdartigen Rhythmen der Musik durch die Luft, Musik der Eingeborenen, Gesang zu den Tänzen der schönen Mädchen und Männer. Ich nähere mich einer Gruppe Tanzender; es ist ein wunderbarer Anblick, den die harmonischen, gleitenden Bewegungen der schlanken, braunen, kaum bekleideten Körper bieten, ein Bild vollendeter Anmut. Es ist ein Fest der Augen, die fleischgewordene Grazie, ein seliges Spiel der Glieder und Seelen. Ich trinke mich satt an diesem feinen

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