Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
102
Einzelbild herunterladen

Im Handumdrehen war ich nun wieder in ein würdiges Mitglied der mensch­lichen Gesellschaft verwandelt. War das Leben so einfach? Brauchte man nicht mehr zu sein als gut gekleidet, um anerkannt und geachtet zu werden? Überall, und hier sehr deutlich, wurde nach dem Äußeren eines Menschen gefragt, wie selten nach dem Inneren!

Als neugebackener Gentleman flanierte ich in der Hauptstraße und trank in der Kresch- Bar ein Glas Wein. Am selben Tischchen saß ein vornehm gekleideter Herr, der sich mir vorstellte und mit mir sprach. Wir unterhielten uns gut miteinander. Er lud mich ein, mit ihm eine Autofahrt zu machen. Ich erzählte ihm einige Stücklein aus meinen Fahrten und Wanderungen. Well", sagte er ,,, wir bleiben ein wenig beieinander."

Ich hielt mich gern in seiner Gesellschaft auf. Wir waren jetzt jeden Tag beieinander. Er gab mir etwas zu tun, kleine Buchungen und Aufzeichnungen. Er stellte mich überall als seinen Sekretär vor, ich erhielt auch Gehalt. Aber der Chef sowohl wie die Angestellten arbeiteten soviel wie nichts. Mister Taft war eine bekannte Persönlichkeit in Christobal- Colon, sein Kredit war groß, wahrscheinlich größer als sein Vermögen. An verschiedenen Anzeichen be­merkte ich, daß seine finanziellen Verhältnisse trotz seines großartigen Auf­tretens nicht gerade glänzend waren. Er war überhaupt ein Mensch, aus dem ich nicht recht klug wurde. Er hatte etwas Zwiespältiges in seinem Wesen. So sehr er den Lebemann spielte, so sehr er als glänzender und heiterer Kavalier auftrat, so düster und melancholisch war er manchmal gestimmt. Ich erfuhr, daß er einst Ingenieur beim Kanalbau gewesen war. Er hatte sich viele Aus­zeichnungen, Geld und Ehren erworben. Man wollte wissen, daß er eine glän­zende Laufbahn vor sich gehabt hatte und zu höchsten Stellungen hätte kommen können. Unbegreiflicherweise war der einst besessen Arbeitende aber untätig in Christobal- Colon geblieben, verbrachte in Müßiggang und schaler Genußsucht seine Tage.

102