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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Das junge Mädchen hatte eine aufrichtige Zuneigung zu mir, die sie ver­gessen ließ, daß ich Unehre und Unannehmlichkeiten machte. Sie war in Angst und Sorge um mich und bat mich eindringlich, sofort hier abzubrechen. Ich war sehr bestürzt über ihre Eröffnungen. Einen solchen Verlauf meiner harm­losen Liebesgeschichte hatte ich nicht erwartet. Ich befolgte den Rat schon im Interesse meiner Schönen und trat sofort den Rückzug an. Der glich einer überstürzten Flucht zur Küste.

Ich tauchte im Hafenviertel von Valparaiso unter. Drei Deutsche sprachen mich an und schleppten mich auf ihr Schiff ,, Padua", wo gerade eine Bord­abstimmung stattfand. Ich gab meine Quittung über die Hitlerschen Errungen­schaften in Deutschland ab.

Eine Woche lang lungerte ich in Valparaiso herum, abends spielte ich meist Schach in einem italienischen Kaffee, unter anderem mit einem chilenischen Heizer vom Dampfer Fresia". Ich schenkte ihm eine holländische auto­matische Pistole. Er versprach mir dagegen, mich in seiner Koje auf der Fresia nach Iquique zu befördern.

Einmal, als ich einige Gläschen zu mir genommen hatte, sah ich mit zu­fälligem Blick zum Eingang der Wirtschaft einen Bekannten eintreten. Ich erschrak bis ins Gebein. Es war Isas Bruder. Das schlechte Gewissen rührte sich. War er es wirklich oder sah ich Gespenster? Hatte ich zuviel getrunken? Gruselige Geschichten von Familienrache kamen mir in den Sinn. Ich saß in einer dunklen Ecke und schwitzte vor Unbehagen. Ich bat meinen Begleiter, zu zahlen, gab ihm eine halbe Aufklärung und drückte mich im Schatten einer Säule durch die Hintertür hinaus.

Der Zwischenfall hatte mich reichlich nervös gemacht. Es war mir also mehr als lieb, daß der Dampfer Fresia anderntags in See stach und mich mitnahm. Nach zehntägiger Fahrt mit kurzer Zwischenstation in Antofogasta ging ich in der Salpeterstadt Iquique im Norden Chiles an Land. Wenige Kilometer entfernt zogen sich die blaugrauen Schatten des riesigen Gebirges zur bolivia­nischen Grenze hin. Iquique , eine Stadt mit fast fünfzigtausend Einwohnern, ist häßlich und ungesund. Niedrige Holzhäuser, staubige Straßen, schmuck­und kulturlos. Ich dachte an die Wildwestromane und an Abenteurerfilme, wie ich diese hastig und erbärmlich gebaute Siedlung betrachtete. Es gefiel mir gar nicht. Ich arbeitete eine Zeitlang in der Salpeterindustrie. Auf meinen Streifen

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