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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Unvergeßlich die weiten Ritte in die reizvolle Landschaft, nachts einmal durch einen wilden Gebirgsbach, durch Berge und tiefe Einsamkeiten.

Die kleine Ranch des Vaters meiner hübschen schwarzen Chilenin lag einige Meilen landeinwärts. Ich ritt eines Tages ins Gehöft ein, ihr Vater, ein starker chilenischer Bauer, nahm mich am Toreingang in Empfang, ich stellte mich ihm in der Haltung eines Grandseigneurs vor. Er begrüßte mich würdig und freundlich, aber etwas zurückhaltend. Er wußte es zu schätzen, daß dieser reiche ,, Aleman" in seinem Hause verkehrte und sich für seine Tochter inter­essierte. Er nahm natürlich an, daß ich auch die Sitte des Landes kannte und respektierte: nämlich die Tochter zu heiraten, wenn man ihr im Hause der Eltern den Hof machte.

Das lag nicht in meinem Sinn. Und ich wurde ein wenig nachdenklich, als ich von dem Gerücht im Ort hörte, der reiche Aleman wolle die Tochter des Ranchbesitzers heiraten. Ich erfuhr, daß es bei den Chilenen, die zum großen Teil indianischer Abstammung sind, noch eine Art Blutrache gibt, die den­jenigen trifft, der die heiligen Traditionen miẞachtet. Messer und Revolver sitzen bei den Chilenen ohnehin locker.

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Im Verlauf von zwei Wochen kam ich dreimal in die Ranch. In einem Ge­spräch mit dem Rancher machte ich einmal die Bemerkung: Wenn man etwas Geld in das Gut hineinstecken würde, könnte man den Betrieb viel lohnender gestalten". Ich unterhielt mich über die Möglichkeit der Vergrößerung des Besitzes. Es kam mir sogar der Gedanke: wie wäre es mit einer Einheirat? Die Aufgabe, eine Großfarm zu verwalten, reizte mich. Etwas Geld würde ich sicher auch zusammenbringen.

Ich sprach auch mit Isa darüber. ,, Bist du reich?" fragte sie mich.

,, Nein", erwiderte ich offen. Ich wollte vor ihr nicht als Hochstapler da­stehen. ,, Ich bin ein Weltenbummler, mal habe ich nichts und kann nichts, mal habe ich alles und kann alles. Die ganze Welt gehört mir, wie zum Beispiel jetzt, wenn ich dich im Arm halte und küsse." Ich umarmte sie in einer heißen Aufwallung des Gefühls. Sie preßte sich leidenschaftlich an mich. Dann aber sagte sie im leisen Erschrecken: ,, Du hättest nicht zu mir kommen sollen. Dein Verhalten war nicht richtig und kann schlimme Folgen haben. Mein Bruder, ein düsterer, jähzorniger Mensch, belauert unser Verhältnis argwöhnisch. Und mein Vater rechnet mit deinem Heiratsantrag."

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