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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Am nächsten Tag gelangte ich an die Bahnlinie und fuhr mit dem Zug nach Valparaiso . Zum erstenmal erblickte ich den blauen Pazifik, den größeren Bruder des Atlantik. Ich fuhr weiter nach Santiago, eine überraschend schöne Stadt mit gesundem Klima. Ausgedehnte Anlagen und Parks durchziehen die Stadtviertel, die sauber und schmuck gehalten sind. Kleine, einladende Speise­restaurants mit Hühnchenbratereien versorgen die Hungrigen gut und reich­lich. Es läßt sich angenehm wohnen und leben in dieser Stadt, vorausgesetzt natürlich, wie überall, man hat das nötige Kleingeld. Doch ist das Leben nicht

teuer.

Ich mietete in einem Gasthaus der Avenida Portalis ein kleines Zimmer und bemühte mich, mein Äußeres einigermaßen in Ordnung zu bringen, denn ich sah ziemlich heruntergekommen aus. Beim Essen im Wirtschaftsraum saß ich neben einem Herrn, mit dem ich ins Gespräch kam. Er war Deutscher , erzählte mir, er sei Juwelier und suche einen tüchtigen Vertreter für Gold­und Schmuckwaren. Im Hinterland von Santiago könne man gute Geschäfte machen. Mir sagte das Angebot zu. Ich streifte die Umgebung von Santiago ab und hatte auf dem Land reißenden Absatz meiner kleinen Kostbarkeiten, mit denen ich besonders die Damen beglückte. Das Geschäft machte mir Freude und ich verdiente viel Geld dabei. Die roten Pesoscheine häuften sich in meiner Brieftasche. Ich fühlte mich reich, ich war jung. Strahlend ging ich durch die Parks und Straßen von Santiago. Zwei lockende Augen und ich war wieder mal für eine Frist der Gefangene einer Frau.

Ihr zuliebe verließ ich meine Stellung und reiste ihr aufs Land nach, nach Valdivia de Peine, einem kleinen Ort, wo ihr Vater eine Farm besaß. Ich war im Auto gekommen und stieg im einzigen Gasthof ab. Der Besitzer war Por­tugiese. Ich wurde als großer Herr aufgenommen, die Leute dienerten und wiesen mir das schönste Zimmer an. Die Ortseinwohner staunten mich an, am Abend lud ich jedermann zu Wein und Bier ein, es gab ein fröhliches Gelage. Die Jugend führte prächtige Nationaltänze vor. Der Bürgermeister biederte sich mir an. Er bewunderte meinen schönen holländischen Revolver, ich seinen Grauschimmel. Wir kamen überein, uns das Begehrte gegenseitig auszuleihen. Auf diese Weise lernte ich Reiten. Das ging leicht und rasch, bald tat ich es den besten Reitern gleich. Viele Stunden war ich auf dem Pferde.

Kunter- Wittmann, Weltreise 7

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