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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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den verhört. Er fragte zuerst meinen Gefährten nach Nam' und Art und wo­her er komme. Von Argentinien ", erwiderte mein Kamerad.

,, Dann mußt du wieder nach Argentinien zurück", lautete der lakonische Bescheid.

Er saß da, feist und schnaufend, in einer selbstgefälligen Würde. Sein Anzug war nicht eben sauber; alles an ihm glänzte fettig und schmierig.

Im Bewußtsein seines hohen Amtes wandte er sich an mich: ,, Und du? Wie steht's mit dir? Woher kommst du?"

Ein schneller Gedanke durchzuckte mein Hirn. Ich komme von Santiago und möchte nach Argentinien ."

,, Nein, das geht nicht", sprach der Gestrenge sein salomonisches Urteil, ,, du mußt zurück nach Santiago."

Durch diese List kam ich also zu meinem Ziel, übel war allerdings mein Kamerad dran. Der hohe Herr prüfte dann noch unsere Papiere und nickte wohlgefällig, zum Zeichen, daß er sie in Ordnung fand. Er stieg daraufhin von seinem Piedestal herab und wurde leutselig. Es war ihm offenbar daran gelegen, in seiner Einsamkeit ein wenig Gesellschaft zu haben. Freundlich und geschäftig bewirtete er uns, holte in den Abendstunden eine Flasche Wein herauf, später noch eine und noch eine, und dann wurde er ganz umgänglich, ja sogar fidel. Er wies uns schließlich einen Raum zum Übernachten an. Wie wir aber seine gute Laune ausnützen wollten, um ihn zu bewegen, meinen Kameraden mit mir ziehen zu lassen, wurde er wieder Amtsperson und un­nahbar. Ich vereinbarte dann mit meinem Gefährten, wir würden uns in Santiago treffen. Denn es war natürlich klar, daß er auf einem andern Weg über die Grenze gehen werde. Aber ich sollte ihn nicht wiedersehen.

In der Abenddämmerung trat ich vor dem Schlafengehen vor die Tür hin­aus. Im Abendlicht eine reizvolle Szenerie. Hohe Zypressen, Gebüsch, Stauden und Sträucher. Los Andes, der chilenische Grenzort, malerisch in den Bergen gelegen. Männer schritten vorüber, mit flachen, breiten Hüten, von gestickten Kordeln umflochten, breite Ledergürtel um die Hüften geschlungen, große, klirrende Sporen an den Stiefeln. Die Frauen, schwarzhaarig, dunkeläugig, braunhäutig, in bauschigen Gewändern. Ein Bild, umwoben von einem fremd­artigen Reiz, umhaucht von einer unwirklichen, romantischen Stimmung, von sanftem Duft und zarter Farbigkeit.

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