Bei meinem Erwachen stand die Sonne im Mittag über mir. Es war schönes Wetter, sehr heiß, aber nicht mehr schwül. Der Wilde stand wieder wie das erstemal vor mir, als habe er sich inzwischen nicht vom Fleck weggerührt, starr und unbeweglich. Irgendetwas in seinem Aussehen beunruhigte mich. Er zeigte mit dem Finger zum Munde. Es war eine Geste, die auch wir Europäer in demselben Sinne deuten. Sie hieß nichts anderes als: Still! Obacht geben!" Ich rührte mich nicht, eine feine Witterung zeigte mir Gefahr an, unwillkürlich tat ich das richtige und lag ganz ohne jede Bewegung, verhielt sogar
den Atem.
Mit seinem Blick deutete der Indianer auf meine Füße. Ich richtete mein Augenmerk darauf. Da hatte ich ein Gefühl, als solle das Blut in meinen Adern erstarren. Zwischen meinen Beinen kauerte eine Giftschlange, die sich züngelnd hin und her bewegte und dann wieder in gänzlicher Unbeweglichkeit verharrte.
Ich lag kühl im Schatten des breiten Laubdaches. Wahrscheinlich hatte sich die Schlange vor der Abkühlung durch den Regen an mich herangemacht, um sich in meiner Körperwärme zu bergen. Sie wand sich auf und ab, endlich blieb sie in meiner Achselhöhle liegen. Es verging eine halbe Stunde, eine qualvolle, endlose Ewigkeit. Mein Hirn arbeitete fieberhaft. Wie konnte ich mich retten? Die geringste Bewegung würde veranlassen, daß das Reptil auf mich zuschoß und seinen tödlichen Biẞ anbrachte. Warten, bis es von selber abzog? Das hätte Stunden dauern können. Einer so ungeheuren Nervenbelastung fühlte ich mich nicht gewachsen. Es mußte etwas geschehen. Ich zermarterte mir den Kopf nach einem Ausweg aus dieser Gefahr. Da kam mir eine tollkühne Idee. Meine Rettung einem Experiment anvertrauen? Es blieb nichts übrig, ich mußte den Versuch wagen.
Ich gab dem Wilden Zeichen, er möge näher zu mir herankommen. Er verstand und schob sich unendlich vorsichtig und lautlos an mich heran. Die linke Hand hatte ich frei, die rechte durfte ich nicht rühren, da sich an dieser Seite die Schlange ringelte. Ich trug ein Glas bei mir, wie es die Gold- und Diamantensucher gebrauchen, um Steine und Geschürf zu untersuchen und zu vergrößern. Glücklicherweise hatte ich das Glas nicht in mein Gepäck getan, sondern es in meine Rocktasche gesteckt, und, wie ich zu meiner Freude merkte, sogar in die linke, in die ich ohne viel Beschwer hineinlangen konnte.
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