ein eleganter und zugleich sieghafter Wall der Zivilisation gegen eine chaotische Urwelt.
Einige tausend Meilen von hier, am Amazonas , mitten im Urwald, hatten die Menschen eine Stadt erbaut. Das war, als der Kautschukhandel blühte. Da gab es dort reiche Leute. Die Stadt vergrößerte sich schnell. Paläste und öffentliche Bauten wuchsen aus dem Boden auf. Ein großes Opernhaus erstand. Plötzlich kamen schlechte Zeiten für Kautschuk. Der Handel lohnte nicht mehr. Die Großkaufleute hatten Verluste, verschwanden aus Manaos. Die Häuser standen leer. Es war keine Wohnungsnot. Niemand zog zu. Die Stadt verödete. Und in wenigen Jahren hatte der Urwald die entvölkerten Viertel wieder geschluckt, sich tief ins Stadtinnere hineingefressen, Bauten und Anlagen überwuchert. Der Urwald hatte gesiegt.
Ich stelle mir vor, wie es hier gehen würde, wenn die Lebensenergien der Menschen erlahmten. Binnen weniger Jahre hätte der Urwald die ganze Stadt vertilgt, so daß kaum noch Spuren ehemaliger menschlicher Zivilisation und Größe sichtbar wären.
Glanz und Größe und daneben Schmutz und Armut. Hinter der glänzenden Fassade auch hier wie in allen Weltstädten Elendsviertel, Not und Verkommenheit, Zerfall und Verwahrlosung. Erbärmliche Holzhütten, schmutzige Gassen, häßliche Mietskasernen, üble Hafenkneipen, wüste Negerbehausungen, Bordells, Kaschemmen und Unterschlüpfe für allerlei Gesindel. Brutstätten des Verbrechens und der Unsittlichkeit. Kloake, Gestank, Lärm, Dirnen- und Zuhälterbetrieb.
Im Wechsel der Szenerie und im Trubel der Stadt geriet ich endlich unvermittelt in die Exercitio de Salvacao, die Heilsarmee. Deren Kapitän war ein Schwede. Er empfing mich als Deutschen sehr freundlich und wies mir eine gute Unterkunft an. Die Leute waren heiter und herzlich, sangen ihre Marschlieder zu religiösen Texten, beteten und arbeiteten. Ich kann nicht verstehen, daß man die Angehörigen der Heilsarmee oft verlacht und verhöhnt. Diese Leute tun mehr Gutes als die meisten anderen Menschen, sie verbringen ihr Dasein in praktischer Nächstenliebe, im Dienst am Mitmenschen. Ich lernte dort viele Deutsche kennen, die das Schicksal oft auf seltsame Art und Weise hierher verschlagen hatte. Solche Vereinigungen wie die der Heilsarmee oder der Quäker sind wahre Sammelbecken aller möglichen Existenzen,
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