brachte. Der begrüßte mich herzlich und eröffnete mir, das Verfahren gegen mich sei eingestellt, ich sei frei. In überschwenglicher Freude drückte ich ihm die Hand. Er riet mir, sehr vorsichtig zu sein, unterhielt sich noch eine Viertelstunde mit mir und entließ mich dann mit besten Wünschen.
Ich atmete erleichtert auf. Die günstige Wendung für mich führte ich sicher mit Recht darauf zurück, daß einige Beteiligte an dem häßlichen Zusammenstoß mit mir befürchten mußten, einen Rüffel für ihr Verhalten zu bekommen. Sie hatten daher wahrscheinlich einen Rückzieher gemacht und irgendwie dafür gesorgt, daß der Prozeß nicht durchgeführt und die Verfolgung wegen ,, Vergehens gegen das Heimtückegesetz" eingestellt wurde.
Zu Hause packte ich meine Siebensachen und erklärte meinen Lieben, ich wolle lieber unter Buschmännern oder Hottentotten leben als unter Angehörigen der„ Herrenrasse"." Mein Bedarf an Nationalsozialismus ist gedeckt. Seht ihr zu, wie ihr damit auskommt, und daß ihr nicht unter die Räder geratet. Ihr tut mir leid, so leben zu müssen."
Trotzdem fiel mir der Abschied von meinen Angehörigen schwer. Lange hielt ich meine Mutter im Arm. Ich sollte sie nie wiedersehen.
Ungeschoren kam ich über die Grenze in die Schweiz . Mir war, als hätte ich eine große Gefahr hinter mir, als ich die Luft eines freien Staates atmen durfte, als ich auf Schritt und Tritt merkte, daß hier wieder Menschen wohnten, denen Recht und Menschenwürde etwas gelten.
Ich muß gestehen: vor dieser Zeit waren Begriffe wie Freiheit", Ehre, Männerwürde mir nicht viel mehr als Worte gewesen, die von manchen politischen Parteien, Kriegervereinen, Schullehrern und sonst in gewissen Kreisen gebraucht wurden. Man konnte sich eben nichts anderes vorstellen, als daß man in einem zivilisierten Staat gewisse Freiheiten, seine Ehre und Würde von selbst habe. Es gibt Begriffe, die einem erst zum Bewußtsein kommen, wenn sie einmal nicht mehr selbstverständlich sind; wenn man am eigenen Leib verspüren muß, daß alles Gute und Edle, alle Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Jetzt wußte ich, welch kostbares Gut Freiheit und Menschenrechte sind. Und später sollte ich noch mehr und noch schmerzlicher erfahren, daß es unsere vornehmste Lebensaufgabe sein müßte, diese höchsten Werte des Menschengeschlechts zu bewahren und zu verteidigen.
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