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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Zu jener Zeit amteten im Reich noch Richter, die etwas auf die Ehre ihres Berufs hielten und nicht von Kreisleitern, Amtswaltern und anderen Nazi­bonzen Vorschriften für die Prozeßführung entgegennahmen und sich nicht bei ihnen erkundigen mußten, welche Urteile sie zu fällen hatten.

Ich hatte das Glück, einem Untersuchungsrichter vorgeführt zu werden, der alles andere war als ein Nationalsozialist und der sich sträubte, als Rechts­brecher und als Ausführungsorgan von Willkürakten zu dienen.

Zu meinem Glück war der Herr mir von Anfang an wohlgesinnt. Er sprach lange mit mir über meine Auslandsreisen. Es war mir, als sei ich bei ihm zu Gast und nicht als Gefangener. Ich war herzlich froh, daß er mir seine Sym­pathie entgegenbrachte. Er las mir die Anklage vor. Ich hatte, wie mir erst jetzt richtig zum Bewußtsein kam, doch etwas viel gesagt und in meiner Er­regung Äußerungen getan, die mich nach dem neuen Recht" schwer belasten mußten. Der Richter formulierte vorsichtig meine Aussagen, legte mir Er­klärungen und Äußerungen in den Mund, die mich entlasteten, kurz, er tat alles, um mir zu helfen. So gelang es mir, meine Entgleisung im nationalsozia­listischen Sinn zu bagatellisieren, ja, in einigen Punkten machte ich die An­kläger zu Angeklagten. Der Richter wies mich darauf hin, daß das Verhalten der SA- Leute in mancher Hinsicht auch nicht den Richtlinien und den Wün­schen der Führung entsprach. Das wurde natürlich weidlich ausgenützt. Der Richter sagte mir im Vertrauen, dies werde vielleicht meine Rettung sein, dem Tatbestand nach sei eine schwere Bestrafung sonst unvermeidlich. Unter den Anzeigeerstattern seien einige höhere SA- Führer, die ein Interesse daran haben dürften, daß bei dem Prozeß manches zur Sprache komme, was sie selbst in ein schiefes Licht bringen könnte.

Ich schlief wenig in den nächsten Nächten. Schwere Befürchtungen be­drückten mich. Was würde mit mir geschehen? Schon damals hatte das Wort ,, Konzentrationslager" einen bösen Klang. Ich wußte, daß man unrettbar ver­loren war, wenn man in die Maschinerie der nationalsozialistischen ,, Recht­sprechung" kam. Nirgends in der Welt, auch nicht bei den wilden und tief­stehenden Völkern war man so rechtlos, war man jeder Willkür so schutzlos preisgegeben wie hier.

Mein Glücksgefühl kann ich nicht beschreiben, als nach zehn Tagen der Gefängniswärter die Tür aufschloß und mich zum Untersuchungsrichter

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