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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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heit. Ich konnte und konnte es nicht begreifen, daß unser Volk sich so etwas bieten ließ, daß man urteilslos eine so plumpe Mache hinnahm, zustimmte und Beifall jubelte. Ich erkannte auch sofort die tiefere Bedeutung der Gewalttat. ,, In diesem Augenblick war ich selbst der oberste Richter, es bedurfte keines Gerichts" hatte Hitler hysterisch gebrüllt. Und es wird von jetzt ab so bleiben. Die Partei wird das höchste Richteramt ausüben; wenn es sein muß, auch gegen das Urteil der ordentlichen Richter."

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Das war deutlich. Also Proklamierung des Unrechts und der Willkür! Das deutsche Volk hatte sich seinem Henker widerstandslos ausgeliefert, es befand sich bereits im Zustand völliger Entrechtung und Entwürdigung.

Die Lage wurde für mich mehr und mehr quälend und unerträglich. Ich kam mir manchmal vor wie in einem Irrenhaus. Die Menschen waren alle nicht mehr normal, obwohl es viele gab, die ihren guten Instinkt und gesunden Menschenverstand behalten hatten und sich ablehnend verhielten. Im Zwie­gespräch gingen diese Menschen manchmal etwas aus sich heraus, man tastete sich gegenseitig ab, man erwog innerlich, ob man vertrauen dürfe und äußerte schließlich zögernd und nach und nach rückhaltloser seine wahre Meinung. Die Leute lebten in steter Furcht vor Spitzeln und Denunzianten.

Alles, was ich so sah, hörte, erlebte, war für mich einfach unbegreiflich. Daß Menschen sich so erniedrigten, so in Schmach und Unfreiheit leben konnten- wie hatte das möglich werden können? Welcher Satan und Rattenfänger hatte hier Mittel und Wege gefunden, um alle Begriffe menschlichen Denkens und Fühlens, alle Sitten- und Rechtsgrundsätze, die bis dahin den Menschen heilig waren und als unumstößliches Gesetz galten, zu verwirren und zu entwerten? Man stand fassungslos vor so viel Krampf, Willkür und Gemeinheit. Entsetzt mußte ich feststellen, daß weite Kreise des Volkes von der Seuche des Nazismus befallen waren. Würde sie vielleicht auch mich anstecken, wenn ich lange genug in diesem Seuchenstall blieb? Nein, niemals", rief ich mir in diesen Gedanken laut zu. ,, Nimmermehr!" Aber gut und angenehm war's in keinem Fall, in diesem Hexensabbath zu bleiben. Lieber jahrelang im Roten Meer im Dampfbad des Teufels leben als im Irrenhaus Nazideutschlands, wo Narren und Verbrecher von Staats wegen die anderen zu Narren und Verbrechern machten. Ich trug mich mit dem Gedanken, so bald wie möglich wieder das Weite zu suchen.

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