Um Mitternacht sank ich zum Schlaf hin, schreckte aber bald wieder auf. Es hatte mich etwas berührt. Ein furchtbarer Schrecken durchzuckte mich. Mein erster Gedanke war: Schlangen! In wilder Panik rannte ich davon. Das Tier hinter mir her. Bellte. Da blieb ich stehen. Ein Tier, das bellt: das war nicht schlimm. Das Bellen klang mir wie Musik in den Ohren. Wo ein Hund war, da waren Menschen. Ich atmete tief und glücklich. Am liebsten hätte ich den Hund umarmt, aber der sah gar nicht freundlich und vertrauenerweckend aus. Es war eine Bulldogge. Trotzdem betrachtete ich entzückt sein Gesicht wie das eines lieben Menschen.
Eine Stimme von fern. Der Hund bellte wieder.
Jemand kam heran. Es war der Besitzer der Farm, die unweit einsam und in weiten Ländereien lag.
Eine tiefe gute Stimme hieß mich auf Englisch willkommen. Wie Balsam wirkte diese menschliche Stimme auf mich. Kaum je zuvor hatten Mutterlaut und Worte in der Heimatsprache einen so tröstlichen Eindruck auf mich gemacht wie diese Anrede in englischer Sprache.
Im Hause des Farmers genoß ich eine Gastfreundschaft, wie man sie nach meiner Erfahrung nur in weiten, menschenleeren Gebieten kennenlernt. Man fragte nicht nach dem Woher und Wohin, man überließ alles dem freien Willen des Gastes, der zur gegebenen Stunde Gelegenheit haben wird, sich auszusprechen. Es herrschte eine gute, altbürgerliche Atmosphäre in dem Hause. Ich wurde aufs beste verpflegt, mit größter Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit behandelt, und es war mir am zweiten Tag, als gehöre ich zur Familie. Eine unendlich wohltuende Ruhe umfing mich, draußen in der Natur und drinnen im Haus. Schön war's, wenn in der Dämmerung die hübsche Tochter des Farmers am Klavier saß und mit feinem Empfinden Lieder von Schubert und Mendelssohn spielte. Da wurde es mir eigen ums Herz. Ein Segen schien ausgegossen zu sein über die Bewohner dieses abendlichen Hauses.
Am Kamin bei einem Glase Wein erzählte ich der Familie einiges aus meiner Vergangenheit. Man nahm lebhaften Anteil. Der Farmer erteilte mir dann brauchbare Ratschläge, wie ich am besten weiterkommen könne. Nach zwei Wochen brach ich wieder auf, ein Heimatloser, dem es doch beschieden war, in der weiten Welt da und dort eine kleine Heimat, wenn auch nur für kurze
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