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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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,, Du mußt trachten, nach Brasilien zu kommen", sagte er, und er erzählte mir, vom Wein und von seiner Phantasie erhitzt, eine farbige, abenteuerliche Geschichte aus seiner Vergangenheit. Du hast Glück. Du findest den blauen Indianer, der dir den Weg zur Schlangenorchidee zeigt. Werde Orchideen­jäger! Ich sage dir, da erlebst du die Wunder der Welt, das Geheimnis der Schöpfung. Da beginnst du ein neues Leben, das sich in einer magischen Wirk­lichkeit abspielt. Ach ja, diese Wunderblume, sie berauscht und verjüngt dich, sie raunt dir zu, was Unsterblichkeit ist. Sie ist wie ein, Sesam öffne dich!' Sie verwandelt dich vollkommen, es ist dann, als hättest du den Stein der Weisen gefunden, du weißt alles und weißt Bescheid um alles, du bist der Herr der Welt!"

Er sah sich scheu um, als hätte er etwas Verbotenes gesagt, das niemand hören dürfe. Er senkte die Stimme zum Flüstern, sein heißer Atem berührte mein Gesicht, als er fortfuhr zu erzählen, eindringlich und suggestiv in Worten und Bildern, deren Sprachkraft und Farbenreichtum mich ganz benommen machten. Es entstand eine Welt des Urwalds und der Sagenhaftigkeit vor mir, die mich in tiefe innere Erregung versetzte, eine Welt voll Phantastik und unbekannter Urhaftigkeit, gemischt aus wirklichen und unwirklichen, erlebten und erfundenen Elementen, aus einer erschreckend abgründigen Phantasie ge­boren, eine Welt, die irgendwie dem Dunstkreis des Schöpfungsbeginns entstieg, in der noch Urnebel und Urphänomene dämonisch am Werk waren und in der Dinge sich abspielten, die sich jenseits unseres Vorstellungs- und Erken­nungsvermögens befinden, die wir manchmal in Sekundenschnelle nur dunkel ahnen, wenn der Sinn in uns sich regt, den wir vielleicht vor Jahrmillionen einmal hatten, und der seither in uns ganz verschüttet wurde. Vielleicht gibt es Menschen, die etwas von diesem Sinn noch haben und ihn wenigstens zu gewissen Stunden entfesseln können. Ich kann mir vorstellen, daß solche Men­schen dann einen Blick hinter die Kulissen des Universums tun und Einblick erhalten in Bezirke, die uns sonst stest Geheimnis bleiben. Die Orchidee spielte in der Phantasie des Erzählers wohl die Rolle eines Schlüssels zu dem Welt­geheimnis, sie war sogar die lebengewordene Enträtselung selber.

Ich muß gestehen, mir wurde es allmählich unbehaglich im Bannkreis des Zeugen einer phantastischen Urwelt und einer wilden Phantastik. Dieser Mann war zweifellos ein Besessener, ein Süchtiger, der einem hirngespinstigen Phan­tom nachjagte. Ich war sonst einer übertriebenen Phantasie durchaus abhold,

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