Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
33
Einzelbild herunterladen

Sees SEE

siedelte nach Tahiti , führte ein paradiesisches Leben im Paradies, kehrte zurück zur Natur und lebte als Naturkind unter Naturkindern, malte seine wunder- vollen Bilder, die heute alle begeistern, die einen unverbildeten Sinn für den Zauber exotischer Landschaften und Menschen besitzen. Ich denke lange dar- über nach, meine Phantasie entzündet sich an dem Lebenslauf solcher Europäer, denen das märchentiefe Leben mehr gilt als alle europäische Zivilisation, aller Luxus und äußerer Reichtum.

Am andern Morgen erwachte ich mit einem Gefühl, als sei ich neu gestärkt, im Vollbewußtsein meiner alten Energie. Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, zog den Vorhang am Fenster meines Hotelzimmers zurück. Strahlender Sonnenschein. Verwandelt ist alles um mich her. Die Stadt in ihrer ursprüng- lichen Schönheit stuft sich an den grünen Höhen hinauf. Die Welt ist wieder offen.

Ich frühstücke ordentlich und trete hinaus:Guten Morgen! grüßt jemand auf deutsch . Es ist Fritz, ein Deutscher, den ich vor Jahr und Tag in Barcelona kennenlernte. Wieder eine jener vielen Begegnungen, die ich im Verlauf meiner Globetrotterei in allen Herren Ländern mit alten Bekanntenzufällig hatte. Ichgewöhnte mich im Lauf der Zeit daran, die große kleine Welt als meine engere Heimat zu betrachten, in der man Freunde und Bekannte immer mal wieder traf. Und doch hatte ich auch manchmal bei Begegnungen und Erleb- nissen ein Gefühl, das ich nicht recht beschreiben kann. Diesem Gefühl ist etwas Unheimliches beigemischt. Eigentümlich, sekundenlang unmittelbar zu empfinden, wie sich dieser Erdball dreht und mit ihm die Menschen, die so rast- und ruhelos durcheinanderquirlen, einander stoßen und drücken und doch jeder dem andern fremd ist. Ach ja, als Weltenwanderer empfindet man es zuweilen besonders stark, wie sehr man hier auf Erden nur Gast ist, wie fragwürdig, fremd, ja tragisch verloren der Mensch auf diesem Planeten lebt und daß ihm nur eins aus der Verzweiflung über diese Erkenntnis helfen kann: wenn er bewußt zu Gott und den wenigen wirklichen Werten des Lebens strebt.

Ich setzte mich mit Fritz in eine Osteria, verplauderte ein paar gemütliche Stunden mit ihm. Er hatte längere Zeit in Genua zu tun. Ich sagte ihm, daß

ich nicht bleiben wolle und könne und gab ihm einen Einblick in meine Nöte und Probleme.

Kunter-Wittmann, Weltreise 3 33