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mit einem fürchterlichen Blick. Der Kurt packt den einen. Sie hat sich von dem andern schon losgerissen, hat schon das spitze, schwere Brotmesser, das immer unterm Auswie sie durch die Tobenden schanktisch lag, in der Hand dahin ist und wieder zurück, bleibt unverständlich, geht auch schon mit dem erhobenen Messer auf den Sturmführer los, der sich's nicht versieht. Aber zwei vom Sturm, zwei gleich, reißen Tante Tinas Ellbogen nach hinten zurück. Hätten die Kerls nicht so aufgepaßt auf ihren Helden, sagte Kurt, dann hätte der in seinem Leben keine unflätigen Witze mehr über Arbeiter und 60jährige Frauen gerissen und keine wehrlosen, jungen Frauen feige erschossen. Wer weiß, was der jetzt macht! Auch so ist ihm der Rock aufgeschlitzt gewesen bis aufs Nackte. So jach ist Tante Tinas zurückgerissenes Brotmesser hochgefahren, und noch einen Riẞ hat er gekriegt von seinem Menschenfresserkinn bis an die Stirn. Und mehr weiß ich nicht. Der Kurt ist mit seinem Kollegen zusammen, beide schwer blutend, durch das Seitenfenster ausgebrochen. Sie haben den Moment benutzen können, wo alles wegen der Tina und dem Sturmführer in Aufruhr war. Unsere Verwundeten haben die Nazi liegen lassen. Das hat man später erfahren. Die Tina haben sie getreten und gebunden und durch Polizei verhaften lassen. Als die Schupo kam, haben sie sicherlich wie die Engelchen um die aufgeräumten Tische gesessen. Das kennt man ja. Die Leni habe sich laut Zeitungsbericht ,, aus Gram über die Tat ihrer Mutter und deren Verhaftung erschossen". Sie haben sie sogenannt anständig beerdigt.- Im ,, Angriff" gab es damals Schlagzeilen: ,, Wieder ein ruchloser kommunistischer Mordversuch an harmlosem nationalsozialistischem Gasthausbesucher."
Die Tina hat seit damals kein Mensch von uns mehr gesehen. Gehört, wo sie war, haben wir. Grüße haben wir ihr schicken können. Selten. Vom März 1933 bis zum Herbst 1937 war die Berliner Gasthausbesitzerin Tina Kerndl fast ständig in Einzelhaft gehalten worden. Sie wurde nie ins
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