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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
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fungen. Wenn sie das erzählte, wurde sie dunkel im Gesicht vor Zorn und vor Vergnügen, noch nach 12 Jahren.

,, Jungens, die feinen Herren, die müssen runter von der Erde. Eher kann kein Volk atmen. Ich kenne die feinen Herren. Jetzt ziehen sie sich diese braunen Horden, um uns Deutsche für den Krieg fertig zumachen. Wenn Krieg ist, dann geht's solchen noch besser. Die ganze arbeitende Menschheit soll bloß für die Herren kochen und braten." Hat sie etwa nicht recht gehabt? Der Krieg wird ja bald da sein.

Tante Tina konnte Reden halten, besser als mancher Poli­tische. Die letzte Rede in ihrer Gaststube an dem Unglücks­tag ist aber doch von ihrem Tirol gewesen. Ich kann von dem Tag berichten, was ich von Kurt Golitz weiß, der damals durch das Seitenfenster entkommen ist.

Als die Braunen in Uniform in der Gaststube an der Ecke einbrachen, regnete es in Strömen auf das Berliner Straßen­pflaster. Die Gäste saßen vor fast leeren Tischen, weil sie kein Geld hatten, etwas Richtiges zu bestellen. Die letzten Schandtaten der Nazi in Berlin und im Reich waren hin und her besprochen worden. Damals saßen sie noch nicht fest im Sattel. Tante Tina startete vor Wut über die Be­richte aus Neukölln und Eisleben auf Bergwiesen, Alpen­blumen und Ziegen.

,, Zerbrich dir lieber den Kopf, was du mit deiner Bude hier machen willst, Tante Tina", sagten ihr ihre Gäste. ,, Auf die Dauer werden sie dich nicht in Ruhe lassen. Es ist auch anderorts schon darüber beraten worden."

Tante Tina putzte mit der Serviette an den Nickelkränen herum.

,, Ich mach nicht zu", sagte sie trotzig; dabei war sie un­ruhig. Es war 28. Die Leni hätte schon da sein müssen. In Wirklichkeit fürchtete Tante Tina schon jeden Abend, ob etwa ihre Tochter verunglückt oder gar nicht nach Hause käme. Täglich war jetzt Streit zwischen ihnen, die Leni sollte

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