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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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TANTE TINA

Bei der Hinrichtung der 61jährigen Berliner Gasthaus­besitzerin Tina Kerndl im Herbst 1937 ging alles wie geölt, bis der rasierte, totenähnliche Kopf, Tante Tinas einst so schöner Kopf, zu Boden fiel. Der Kopf stand, und die Henkersknechte schrien entsetzt: ,, Sie guckt."

Die übriggebliebenen Roten vom einstigen 17. Bezirk er­fuhren den Hergang; einer da, der andere dort; mit Aus­schmückung oder ohne. Nach einer Woche wußten es alle. In die Erbitterung, den Schmerz und die Wut mischte sich Genugtuung: Die Mörder von Beruf hatten in den Augen des stehenden Kopfes einer Toten ihr eigenes schlimmes Ende gelesen! Die Tage von 1933, in blutiges Licht ge­taucht, standen aus der halben Vergessenheit wieder auf: Wehrlose überfallen und hinmachen, das konnten die Nazi. Nach vier Jahren fast ständiger Einzelhaft der Prozeß. Der Mörder ist der Richter: Kopf ab. Aber Tante Tina war etwas eingefallen: sie hatte geguckt, als sie schon tot war. Das sah ihr ähnlich. Sie hatte schon immer so gucken kön­nen, daß schlechten Kerlen das Herz in die Hosen fiel.

Im Außengelände von Berlin standen ein paar alte Arbei­ter um eine Sandkiste beim heimlichen Treff. Ein Spiel Kar­ten für den unerwünschten Zwischenfall

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lag auf dem Kistendeckel. Sie sahen in die Dämmerung, die von den Rie­selfeldern auf die Großstadt zukroch. Ihr ganzes Wesen war in Aufruhr, und deshalb schwiegen sie. Ein jeder fühlte, was der andere dachte: Tante Tina.

Wer im 17. Bezirk hatte Tante Tina nicht gekannt?

Hatten die Arbeiter aus der Färberei nebenan und aus der

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