Druckschrift 
Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
133
Einzelbild herunterladen
  

Mein Vater war Arbeiter und Sozialdemokrat. Die Stimme.des Gefesselten war rauh; sie hatte indes etwas Heiter-Jugendliches, das in dieser Umgebung und unter die- sen Umständen fast verblüffend wirkte.

1933 war ich noch ein dummer Junge. Ich lernte damals Schlosser. Außer für meine Arbeit habe ich mich nur für Wassersport interessiert. Bloß von Vater und Großvater her war ich gewöhnt, daß der Erste Mai eben der Erste Mai ist.

Wieder schien es Steeger, daß das graue Auge ihn ansah. Der Tag, an dem die Arbeiter, sagen wir mal, Heerschau halten für ihren Zukunftssieg. So. Und wie dann der Erste Mai auf einmal nicht mehr unser Tag sein sollte, da wollte ich nicht für die Herren aufmarschieren. Das war 1933, da blieb ich im Bett. Na ja, damit fing es an.

Damals waren Sie also ein dummer Junge? unterbrach der Richter.Und was sind Sie jetzt?

Im Saal wurde stürmisch gelacht.

Ich verstehe, daß Ihnen diese Angeklagten lächerlich vor- kommen, wandte sich der Richter ernst an die Zuhörerschatft.

Ich muß aber um vollständige Ruhe, bis zuletzt, bitten.

Seit 1933 bin ich ein erklärter Feind der Regierung, sagte der Angeklagte. Seine eingesunkenen Züge spannten sich. Sicher, Edwin Steeger kannte den Mann.Der Herr Vorsitzende sagt, daß das deutsche Volk die Regierung ver- göttert. Das ist nicht richtig. Ich kenne das deutsche Volk besser als Sie, Herr Richter. Ich habe ja auch bis vor einem halben Jahr für einen Anhänger der Regierung gegolten. Sie wissen, was Abraham Lincoln gesagt hat: ‚Man kann manch klugen Menschen betrügen, lange, sogar auf die Dauer, auch ein Volk kann man betrügen, lange; aber nie- mals auf die Dauer. Das deutsche Volk wurde betrogen und wird betrogen und es weiß das.

Doll! rief jemand im Zuschauerraum.

Steeger hatte den Sprechenden unverwandt angesehen. Der Erste war es nicht. Der vom Ersten Mai damals, im selben

133