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Gutes in seinem dem Ehrgeiz verfallenen Leben hatte Edwin Steeger sich Hals über Kopf in Klemms einzige Tochter verliebt. Die kleine, spindeldürre Gerda, mit der er als Siebzehnjähriger manchmal gespielt hatte, hatte er zuerst nicht wiedererkannt. Am Flügel hatte ein schönes Mädchen gestanden und gesungen; alles andere als vollendet, aber mit einer Frische und Natürlichkeit, einer Wärme, einer Hingegebenheit, die für sie warb. Stürmischer Applaus hatte ihr gedankt. Die uninteressierte, fast abweisende Art, mit der Gerda diesen Beifall hingenommen hatte, die auffallende ruhige Fremdheit, mit der sie zwischen den vielen und eleganten Gästen in der Wohnung ihres Vaters herumging, als sei auch sie ein Gast alles das hatte Steeger neugierig gemacht. Sie hatte ihn sofort erkannt und war zu ihm, wie er zu spüren vermeinte, weniger kalt als zu den andern. Natürlich war sie im ,, Bund deutscher Mädchen ". Sie hatte aber gar keine BDM - Manieren. Das war kein Fehler, fand Steeger. Etwas geärgert hatte es ihn, daß sie größer war als er. Aber ihr Körper war von so ebenmäßiger Schönheit, dabei nervig und gelenkig konnte man sie anders wünschen? Er hatte nicht gewußt, daß Musik solchen Eindruck auf ihn machen konnte. Als dieses Mädchen Bach spielte, verlor er ganz den Kopf. Er fühlte sich ihr unterworfen, willenlos selig versklavt. Völlig benommen von einem unerwartet über ihn hereingebrochenen Glück war er damals in sein Hotelzimmer zurückgekehrt. Am nächsten Tag hatte er sie bei einem Tee getroffen, wo sie wieder spielte. Singen tat sie nur zu Hause. Sie war freundlich in einer ihr auch fremden Gesellschaft zu Steeger gewesen und hatte ihm erlaubt, sie am nächsten Tag zu besuchen.
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Dann waren die märchenhaften zwei Wochen gekommen, in denen er fast regelmäßig zur letzten Stunde ihrer täglichen Übezeit als stummer Gast auf dem blauen Ecksofa gesessen hatte. Danach war sie natürlich müde und meist einsilbig gewesen. Das hatte den Frieden zwischen ihnen nicht gestört. Am meisten fesselte den vor Leidenschaft ganz Tollen die
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