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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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solch eine Macht über ein Volk, das gar nicht will, was ist das schon für eine Macht? Kann denn die halten?"

,, Schscht", machte Edwin, ,, hast du nicht was gehört?" ,, Ach wo. Aber warum ist kein Licht im Gang? Komisch. Soll ich mal nachsehn?"

,, Nein, nicht unsre Sache."

,, Wir müssen was ausbrüten, einen Plan", fing Hans Warnke wieder an. ,, Irgendwie, daß wir hier wegkommen." Er sprach drängend.

,, Ausgeschlossen", zischte der Freund, jetzt schon wütend. ,, Ich kann meinen Eltern nichts anstellen. Der Alte gibt und gibt über seine Kraft, bloß damit mir's gut geht. Wenn dann hier was mit mir nicht klappt-"

,, Es klappt nicht", sagte eine laute Stimme. Die Jungen erstarrten. In der hellerleuchteten offenen Tür stand Klemms Hünengestalt.

In einer Sekunde lagen sie steif ausgerichtet. Durch ihre Köpfe jagte wirr durcheinander das eben Gesprochene. Was mochte er gehört haben? Vielleicht nur ein paar Worte. Mut.

,, Raus aus den Betten!" Die Stimme des Kommandanten war kalt. Der gelblich- weiße Wurm der Schmarre stand prall auf seinem großen Gesicht. Steeger und Warnke sprangen auf und standen stramm wie Puppen am Faden. Der Kom­mandant knipste mit einem trüben Lächeln das Licht im Saal an. Von den Pritschen fuhren verschlafene Köpfe hoch.

,, Warnke und Steeger bleiben so stehen", sagte Klemm, und sah dabei durch die beiden hindurch, als ob sie gar nicht da wären.

,, Sie werden gleich abgeholt", fügte er lässig hinzu, wandte sich und verließ den Raum, ruhig die Tür hinter sich schlie­Bend. Man hörte die sich entfernenden Schritte im Flur. Es war noch kein Wort gefallen, da waren die Schritte zurück, in verändertem, schnellem Tempo. Die Tür wurde wieder aufgerissen. Klemm ging an Warnke vorbei, der, wie Steeger auch, noch versteinert im Nachtanzug dastand. Der Kom­mandant hob seine große Hand und schlug Edwin Steeger

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