Erheiternderes, Tröstlicheres erleben können, als gerade diese zugeschlagenen Türen, gereizten Mienen, bösen Worte, die den deutschen Nazi galten, diesen Nationenverhetzern, diesen Verächtern der Menschen- und Völkerwürde. Der Trenchcoat und der schöne Wollsweater, mit denen Bubi Elger sich zugedeckt hatte, glitten zu Boden, so plötzlich hatte er sich aufgesetzt.
Es war noch etwas dabei. Dieser Haß war kein gewöhnlicher Haß. In diesem Deutschenhaß der Tschechen war etwas Eigentümliches. Etwas Mürbes und Verzweifeltes haftete ihm an. Sogar die Glastürendame, so aggressiv sie war,- zuletzt war sie auf dem Sessel zusammengeknickt, und das Mädchen hatte ihn zurückrufen wollen. Vielleicht war es ein zu alt gewordener Haß, der sich im Lodern verzehrte, eine Flamme, die nur mehr knisterte, ein letztes Mal aufflammte, um zu erlöschen? Bubi Elger erinnerte sich mühsam, was er von der tschechischen Geschichte wußte. Diese Dame hatte davon gesprochen. Die Habsburger hatten jahrhundertelang die Tschechen und Slowaken unterdrückt. Plötzlich sprang Elger hoch, trampste quer über den Trenchcoat durchs Zimmer, fuhr sich wie ein Verzweifelter mit allen zehn Fingern in die Haare: Liegt er da herum, zerbricht sich den Kopf über so' nen Haß und solchen Haẞ! Und Mama? Was ist mit Mama?! Warum kein Brief? Er zitterte. Quer über seiner Kinderstirn entstanden Falten. Auf einmal betrachtete er interessiert sein Abbild im Waschtischspiegel. Er hatte Haß hervorgerufen. Er, Bubi Elger, der beliebteste Junge vom Corneliusufer. Er hörte wieder das Gezeter in der Dlouhagasse, roch Knoblauch, heißes Schweineschmalz und Sauerkraut, sah die Hagere am kalten Küchenherd vor ihren Pelargonien aufwachsen, den Arbeiter mit dem erhobenen Röhrenstiefel. ,, Falsch", sagte er laut. ,, Das ist kein Haẞ, der nur aufflackert und erstirbt. Solid, eingewurzelt, zuverlässig ist der Tschechenhaß. Bum." Er drehte sich tief befriedigt auf dem Hausschuh herum und hatte für Minuten die Angst wegen Zuhause vergessen. Dieser Haß war etwas
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