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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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hau war die Fahrt nicht gefährlich; aber dann, von den Nazi unbemerkt über den Paß kommen. Ob er es schaffte?

*

Das äußerst mäßige Hotel, in das Elger in Prag geraten war, nahm 35 Kronen für jede Nacht. Überall roch es nach schlechtem Bohnerwachs. Nachdem er das Geld für zwei Nächte auf den Tisch gelegt hatte, besaß er noch dreizehn Kronen. Eine lächerliche Situation. An Telegramme nach Deutschland war wegen des Terrors der Nazi nicht zu denken. Der Brief, den er sofort nach Hause schrieb, ging über Schweden . Ein paar Tage würde es dauern, bis Mama die Nachricht bekam, und einen, bis sie einen Umweg fand, ihn fürs erste mit Geld und Sachen zu versehen. Danach mußte man sich brieflich über das Ziel der Auswanderung einigen. Am besten wohl New York .

Es gab in Prag eine Emigrantenküche, die unentgeltlich war. Bubi Elger, der eleganteste Junge vom Corneliusufer, würde eine Weile alsFlüchtling leben. Vielleicht ganz interessant?

War es eigentlich interessant? Unangenehm war es. Im Komitee, an das er sich gewandt hatte, kam man jedem Ar- beiter freundlicher entgegen als ihm. Wenigstens schien es ihm so. Es war ihm unangenehm zu versichern, daß er ein Jude war, und die Leute glaubten es nicht einmal. Papiere darüber besaß er nicht. Was hätten das für Papiere sein sollen? Er hatte in Berlin gelebt wie irgendein anderer deut- scher Bürger, der sich für seine Religionszugehörigkeit weiter nicht interessierte. Seiner Kultur, seinem Bewußtsein nach war er ein Deutscher.

Armer Bubi Elger! Er war es gewohnt, angebetet zu wer- den; und den Leuten vom Flüchtlingskomitee gefiel er nicht. So echt teutsch-selbstbewußt, so sichtlich nur mit sich selbst beschäftigt, blond, blauäugig, schlank und groß, mit dem hohen, schmalen Schädel, dem hellen Stutzbärtchen über dem Mund alle waren einig, daß er wie ein waschechter Nazi

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