Frau Weber nahm das Buch ,, Geschichte der Meißener Porzellane", das ihr Frau Eberlein geliehen hatte, mit zu Bett. Sie las nur wenige Zeilen über Böttger, den Erfinder des Porzellans, dann wurde sie vom Schlaf übermannt. Ganz anders erging es ihm, es machte ihn keineswegs miẞgestimmt, daß seine Frau so schnell einschlief... Im Gegenteil, jetzt konnte er so recht in seiner Schmökerwelt leben, so ganz mit ihnen , unter uns' sein; bis zwei Uhr früh speiste er Geist und Seele durch den Genuß der Schmökerkost. Herrlich war diese kitschige geistige Nahrung...... Dann befahl auch ihm die unerforschte Macht der Müdigkeit, die Augen zu schließen.
Als er Sonntag gegen neun Uhr morgens erwachte, fand er das Bett seiner Frau bereits leer. Viel Zeit, um sich anzukleiden, brauchte er nicht; rasiert hatte er sich tags zuvor. Geschniegelt und gebügelt kam er zwanzig Minuten nach neun Uhr unten an, wo seine Frau ihn erwartete.
,, Was, schon so fix und fertig angezogen? Wir gehen doch erst um elf Uhr zur Kirche. Warum die Eile?"
,, Ich will noch schnell zum Bahnhof gehen, um die Zeitungen zu holen ,. weil es ja heute keine Post gibt."
,, Bleib' aber bitte nicht zu lange und bring' mir die, Illustrierte mit, wenn sie da ist."
,, Wird gemacht, aber nur, wenn sie da ist."
,, Du scheinst ja gut geschlafen zu haben!"
,, Stimmt. Aber Scherz beiseite, ich bin schnell zurück. Gehe ich nicht jetzt, dann bekommen wir heute keine Zeitung mehr. Der Gottesdienst dauert bis gegen ein Uhr und wenn wir dann beim Rückweg zum Zeitungsstand an den Bahnhof gehen, ist gewöhnlich keine Zeitung mehr zu haben. Das habe ich schon zweimal erlebt, ein drittes Mal passiert mir das nicht wieder."
Er ging und kam nach zwanzig Minuten zurück. Das war keine besondere Marschleistung; denn der Bahnhof lag vom Weberhaus keine drei Minuten entfernt. Aber Professor Weber hatte auf dem Nachhausewege schon in der, Illustrierten Zeitung geblättert.
,, So, hast Du alles Gewünschte erhalten?"
,, Jawohl."
Sie setzten sich nun an den Kaffeetisch und genossen in des Wortes wahrster Bedeutung das Frühstück, als hätte es weder Krieg noch Not gegeben.
,, Wem verdanken wir das alles? Unserem Führer?"
,, Sei ruhig, Karl, das verdanken wir einzig und allein unserer Paula."
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