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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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Koffern! Eine unübersehbare Menschenmenge wimmelte mit lautem Getöse umher und füllte die Bahnsteige. Ich bahnte mir einen Weg. Zielsicher und doch wie im Traume wandelte ich hin zur Unterführung und mitten in diesem vielköpfigen Durcheinander stand, schlicht und wie eine Bildsäule, die treue Begleiterin meiner Frau, meine frühere Sekretärin, genau so, wie ich sie zuletzt gesehen hatte.

,, Herr Utsch!" Und schon ein Schrei, wie aus dem Grunde der Seele: ,, Bert, Bert, mein Bert, Mensch! Du!" Und meine Frau, die im Hintergrunde gestanden hatte, hielt mich in den Armen! So fest und anhaltend, so lieb und innig war die Begrüßung! ,, Kein bißchen verändert, ganz der Alte bist Du geblieben, Bert!" Nun waren es wieder wir, nun war es wieder glückliche Zweisamkeit!

Jetzt erst bemerkten wir, wie viele an unserer Begrüßung teilhatten. Landser blieben stehen, hatten ihre Freude und ließen es sich nicht nehmen, trotz schwerem Affen über dem Buckel und der Knarre am Arm, diese augenfällige, Begrü­Bung mit anzusehen. Polen und allerhand Leute witterten hier einen besonderen Anlaß. Eine lange, schwere Sehnsucht war erfüllt.

Wir tippelten die Treppe hinunter durch die Unterführung und gingen durch die Sperre. Nun waren wir Menschen, wie alle anderen! Allein für uns! Die Begleiterin meiner Frau, längst ihre Freundin, war in den Zug nach Lemberg gestie­gen. Ihre Mission war erfüllt, ihr Zug dampfte ab. Mehr wollte sie wohl auch garnicht wissen, als das das wahr ge­worden war, wofür auch sie treu an der Seite meiner Frau mitgekämpft und durchgehalten hatte.

Wir aber fühlten uns vom ersten Augenblick an wieder zu­sammengehörig, wie uns die Fügung höheren Waltens einst zusammengeführt hatte. Und so waren es nicht überschweng­liche Worte, sondern allein unsere Blicke, die unser Glück ausdrückten. Wir steuerten über den Bahnhofsplatz einem kleinen Hotel zu, in dem Elisabeth zusammen mit einer Drit­

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