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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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fenster, aus denen man durch einen kleinen Spalt hinaus auf die Straße blicken konnte.

Dort, wo ich damals im Stehen, Mann an Mann gepreßt, mehrere Nächte und Tage, die Nächte waren, verbrachte! Dort, wo die Wanzen wie Trauben von der Decke fielen und wo man in einem Meer von Wanzen schier umkam! Wo sich Homosexuelle an einen herandrängten und wo Du nicht wuẞ­test, wer vor und wer hinter dir stand, so eng war es! Wo wir ungeschälte Kartoffeln, als Suppe verkocht, schlürften! Wo die Aufsichtsbeamten mit einem kleinen Stock mit Leder­schnalle, wie eine Fliegenklappe, herumschlugen, um sich durch den Schlag auf die Gesichter Platz zu schaffen und Grup­pierungen vorzunehmen, wie sie sie für Transporte brauchten.

Ich fand dieses Kellerfenster wieder. Es waren wohl wie­der Menschen dahinter. Sicher mit den gleichen begehrlichen Blicken nach draußen auf die platte Straße und auf das Gegenüber, wo Menschen aus- und eingingen.

Ich sah mir nun auch dieses Gegenüber an. Es war ein Parteigebäude, modern eingerichtet, und all die Menschen, die ein- und ausgingen, waren Parteibeflissene, die geschäf­tig an dem Schicksal arbeiteten, das Deutschland zum Kuin brachte. Hier standen sie sich gegenüber, die beiden Gebäude: gleichsam Ziel und Resultat!

Was wir damals begehrten, wäre eine lumpige Zigarette, ein Stückchen Brot gewesen!

Dann schlenderte ich weiter und nicht weit entfernt lag die kleine Gasse mit dem Weinhaus Güth, das ich aufsuchen sollte. Ich traf die Mutter des Häftlings und überbrachte ihr Grüße von ihrem Sohne aus dem KZ- Lager. Ein Glas alten Rotweins förderte die Pläne, was zu unternehmen sei, um auch ihn freizubekommen. Freilich war da nicht viel zu machen. Die Frau fand den Wehrpaß nicht, der die einzige Hilfe bedeutet hätte. Ich gab ihr dennoch Ratschläge und die vom langen Warten verzehrte Frau sah einen neuen Hoff­nungsschimmer.

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