Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
Seite
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Freiwild für die SS.

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Unter den Neuangekommenen befand sich auch ein Häft­ling, der schon früher im KZ- Lager Sachsenhausen gewesen war. Er hatte sich auf die Flucht begeben und kam bis in sein polnisches Heimatdorf, wo er dreiviertel Jahr bei seinen An­gehörigen lebte. Er wurde als Rückführer eingeliefert und man nahm an, daß er in eines der strengsten Kommandos kommen werde, als Freiwild für die SS, mit einem roten Kreis auf dem Rücken, der anzeigte: Flüchtling vogelfrei! Am Abend jedoch wurde der Galgen wieder aufgebaut und beim Appell verlesen, daß laut Urteil des Reichsführers- SS Himmler der Flüchtige den Tod am Strang zu erleiden habe. Zum warnenden Beispiel sei die Hinrichtung öffentlich, dem ganzen Lager sichtbar, zu vollziehen und jeder Einzelne müsse den Toten ansehen. So marschierte das ganze Lager nach der schaurigen Erhängung an dem Toten vorüber. Diese Methode wiederholte sich künftig oft. Immer mußten wir, Block für Block, an den Erhängten vorbeidefilieren.

Otto hatte längst das Lager verlassen, schneller, als wir alle dachten! Ich trug ihm auf, meiner Frau nach Lemberg zu schreiben, mit ihr Verbindung aufzunehmen, sie zu beruhigen, meine Lage so gut wie möglich darzustellen und ihr vor allem zu erklären, ich wüßte nach wie vor nicht, warum ich eigent­lich im KZ- Lager sei. Otto war ja im Bilde, was sie mir zum Vorwurf machten..

Er hatte seinerzeit ein Fahrradgeschäft in Krakau gehabt und an den jüdischen Ältestenrat das Ansuchen gerichtet, ihm eine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Da er sich nicht direkt an die Distriktsregierung gewandt hatte, sondern an den Ältestenrat, wurde ihm das als widerrechtliches Zusam­menarbeiten mit Juden ausgelegt. Er wußte wenigstens, in welcher Richtung er seine Bestrebungen für die Wiedererlan­gung der Freiheit einzuleiten hatte.

Statt Otto hatte ich nun Alfred als meinen Kumpel. Im Lager geht es nicht anders, als daß man seinen Kumpel hat! Außerdem unterhielt ich mich viel und gerne mit einem Hamburger Psychiater, der, nachdem er Haus und Praxis durch Bombenschaden eingebüßt hatte, einmal im Kreise von Kollegen eine seiner spitzen, treffenden Bemerkungen über

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