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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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Eines Tages wurde über dem Lager ziemlich gegen Ende eines Großangriffs eine anglo- amerikanische Maschine gesich­tet, die dann auch in der Nähe von Sachsenhausen zum Ab­sturz kam. Wir sahen die brennende Maschine niedergehen und tags darauf waren die Insassen, die mit ihren Fallschir­men abgesprungen waren, im KZ. Eben noch Soldaten, jetzt Häftlinge des KZ- Lagers! Unverständlich für alle. Wenn auch das Kriegsgeschehen furchtbare Formen und Folgen, ins­besondere im Luftkrieg, angenommen hatte, so wußte doch jeder, daß nach den Völkerrechtsbestimmungen Kriegsgefan­gene auf keinen Fall in ein KZ- Lager gehörten.

Ja, wer gehörte denn wirklich ins KZ- Lager? Der Wider­sinn hatte nun seine allerletzten Phasen erreicht. Zusammen mit den Tommies kam eine Anzahl Geistlicher an, darun­ter ein katholischer Pfarrer aus Luxemburg , der eine kleine Pressenotiz veröffentlicht hatte, die nicht im Sinne der Ge­ stapo schien. Der Pfarrer war in der Gewandung des Geist­lichen gekommen und im Köfferchen, das er bei sich trug, be­fanden sich Meßgewand und Stola. In der Effektenkammer mußten diese Sachen hinterlegt werden.

Der SS- Oberscharführer beauftragte trotz seines Widerstan­des den Häftling Erich Güth, der in der Kammer so eine Art Mädchen für alles zu spielen gezwungen wurde, auch ein so­genannter Läufer war, die priesterliche Gewandung anzuzie­hen, einen gleichfalls vorgefundenen Kelch mit Hostien zu nehmen und den in der Kammer arbeitenden Häftlingen die Kommunion zu verabreichen.

Hinter der Theke, in der sich das Effekten- Packmaterial und die Akten befanden, grinsten die SS ihr diabolisches Lachen bei dieser gotteslästerlichen Zeremonie. Ich weigerte mich standhaft, diese Art der Kommunion zu empfangen. Dann kam der Geistliche auf die Kammer und mußte mit zusehen, welchen Frevel man mit diesen geheiligten Gegen­ständen trieb.

In diesen Tagen hörte man auch aus einem erstmalig auf­gestellten Lautsprecher von der Zerstörung des Kölner Doms. Da mußte man sich fragen, ist ein Volk, das solchen Frevel treibt, würdig, solche Gotteshäuser, solche erhabene Werke der Kunst zu besitzen? Ist es nicht Fügung Gottes, wenn da die Gebäude zusammenbrechen, die man ihm einst in Ehr­furcht und Glauben erbaute?

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