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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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stutzen, obwohl dies bei dem Klinkerschnitt ein vergebliches Bemühen blieb. Am nächsten Morgen wurde mir die Zivil­kleidung ausgehändigt, nachdem mein Effektensack abends zu­vor aus dem Block, wo diese zur Aufbewahrung lagen, her­ausgesucht worden war.

In einer auffallend großzügigen Weise durfte ich alles mit­nehmen. Vielleicht wirst Du entlassen, vielleicht kommst Du nicht wieder dachte ich, denn freundlich ist man zu den Häftlingen, wenn sie wieder hinaus sollen in die Außenwelt, gleichsam, als wolle man das vertuschen, was alles im Lager geschah.

Ich kam zusammen mit noch einigen Häftlingen bis zum Bahnhof Oranienburg , begleitet von SS - Wachen, und dort zu dem fahrplanmäßigen Zug nach Berlin , an dem zwei Gefan­genenschließwagen angehängt waren. Die anderen Häftlinge verlor ich aus den Augen. Sie sollten in Polizeigefängnisse und andere Lager überführt werden. Mein Weg aber ging zum Reichssicherheitshauptamt.

In Berlin empfing mich ein Beamter in Zivil am Alexan­ derplatz , wo ich meine Papiere in Empfang nahm und von der Behörde des Gefangenentransportes förmlich an die Be­hörde der Gestapo übergeben wurde. Vom Alexanderplatz brachten mich Zivilbeamte in einem Luxuswagen in das Reichs­sicherheitshauptamt. Hier wurde ich wie ein guter Bekannter mit freundlichem Gehabe eingewiesen, zu meinem Erstaunen in einen gepflegten, ordentlichen Raum gebracht, in dem sich etwa acht andere Zivilisten, durchwegs gut gekleidet, auf­hielten.

Ich war wie nicht recht bei Sinnen, erstaunt über die vor­zügliche Unterkunft in Betten, die mit weißen Linnen frisch überzogen waren; das Essen, am gedeckten Tisch, bei zurück­haltenden Gesprächen mit den zuvorkommenden Insassen des Zimmers, war vorzüglich.

Ich erkannte einen alten Bekannten, Dr. X., wieder, der dies aber scheinbar vor den anderen nicht wahr haben wollte und mir entsprechende Zeichen machte. Er war der soge­nannte Stubenälteste in dem Raum und sorgte für ein fast zeremonielles gesellschaftliches Verhalten und einen liebens­würdigen Ton der Insassen untereinander. Für mich eine unbegreifliche andere Welt, hier im Gestapohauptgebäude.

.5 Bg. Utsch, KZ

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