Eine Falle.
Als ich dann einige Tage später plötzlich wieder zur politischen Abteilung ins große Lager befohlen wurde und meine auch im Hauptlager bekannte und irgendwie anders gewertete Scheiteltonsur als Klinkerkommandierter zur Schau trug, lernte ich das Ergebnis dieses Klinkerkommandos in seiner furchtbarsten Auswirkung kennen.
Wir hatten den Rollwagen zu schieben, der täglich von Klinkerleuten zum Hauptlager gefahren wurde, und der alte Kumpel, der neben mir den Wagen schob, klärte mich auf, was es mit diesem Wagen für eine Bewandtnis habe. Er war voll und doch nicht zu schwer. Auf Autogummirädern rollte das Gehäuse, in dem nichts weiter transportiert wurde, als die sogenannten Effektenpäckchen der Eingegangenen. Es ist dies die letzte kleine Habe der verstorbenen Häftlinge, der zu Tode gequälten, der gemarterten Opfer.
Es überkam mich ein Grauen vor dieser traurigen Last, die wir leicht und langsam über den holprigen Weg rollten, zur Seite der SS - Henker zur Aufsicht, der SS- Mann, das Symbol für diese schaurige Mordinstitution.
Der Wagen sah aus wie die Karosserie eines kleinen privaten Kraftwagens. Hier schoben wir nun die Kleinigkeiten eines Dr. Berliner, eines alten Alich und der vielen jungen Ukrainer mit ihren kindsunschuldigen, sogenannten Vergehen, die sie, herausgerissen aus ihrer Heimaterde, weitab von ihrem bäuerlichen Leben, in ihrer Urnatur begangen haben mochten. Niemals objektiv kriminell genug, um auch nur einem deutschen Richter dieser rechtlosen Zeit Anlaß zur Verfolgung oder Verurteilung zu geben, aber immerhin genug, um in der Zermalmungsmaschine des KZ den Tod herbeizuführen!
Mit wie vielen von ihnen hatte ich gesprochen! Wie viele hatten mir halb polnisch, russisch- ukrainisch und halb deutsch , im Kauderwelsch der Sprachen, ihre Geschichte erzählt, beim Klopfen der Arme quer über den Rücken„ gimno, gimno" ( kalt, kalt) in einer kurzen Pause, in der der Capo und seine Helfer außer Sicht waren, angedeutet, wie sie ins Lager kamen.
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