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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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Geliebten, wohl aber auch in Gedanken an sie, verbringen mochten.

Mich weckte aus meiner Träumerei, die mich nach Lem­ berg versetzt hatte, ein leichtes Klopfen auf den Rücken und vor mir stand ein Häftling, ehemals polnischer Lehrer, der in ein deutscherseits annektiertes Gebiet geraten war und kur­zerhand nach Auschwitz und anschließend Sachsenhausen über­führt wurde und mit dem ich manch langes Gespräch über die Verhältnisse im Warthegau und dem Generalgouvernement geführt hatte und sagte: ,, Komm rüber zu mir, Du warst mir immer der Liebste."

In rührender Art hatte er einen kleinen Karton hervor­geholt und sagte mir: ,, Das, was sie mir gelassen haben beim Empfang, wollen wir jetzt verzehren und still für uns Weih­nachten feiern. Es ist von meiner Mutter, die immer noch lebt und nur den Tag noch erleben möchte, mich, ihren ein­zigen Sohn, wieder zu sehen."

Er erzählte mir dann von seinen Schülern, von den Schwie­rigkeiten in den Grenzgebieten und von der Sinnlosigkeit, mit der doch Menschen, die alle nur den Wunsch haben, ihre Pflicht zu tun, auch in diesem Kriege wieder so schauderhaft auseinandergerissen wurden. Es war kein Werben um die pol­nische Sache, es war ein tiefsinniges Gespräch von Mensch zu Mensch, rein durch den Weihnachtstag veranlaßt, das in jedem nur die echten, beschwingten Gefühle zum Ausdruck kommen ließ, die er in seiner Brust barg. Und ich hatte, wie in Polen , auch immer den Eindruck, daß, wenn Polen und Deutsche sich verstehen, dies ein ausgezeichnetes Verhältnis ergeben kann. Dies war meine Freude am Heiligen Abend im KZ. Auch das Entlausen ließ man an diesem Abend fallen. Dann ging es wieder weiter.

In der Frühe war das Kommando besonders scharf. Es mußten mehr Reihen als sonst gestapelt werden. Die Back­steine dampften noch im winterlichen Frost und es sah aus wie Wolken, die zum Himmel aufstiegen, so schnell wurde geschichtet und Stein auf Stein gehäuft. Es gab wieder Schmer­zen und unterdrückte Tränen. Rohe, robuste Kräfte walteten, keiner fand die Ruhe des Weihnachtsfeiertages und es erschien alles wie eine einzige Anklage, ja wie ein Zweifel an der Gottheit, die dies geschehen ließ.

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