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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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der Tod von ihr nahm. Nachts, wenn wir in unserem Lem­berger Heim im Schlaf Erholung fanden, wähnte sie die ver­storbene Mutter in fieberhaften Träumen immer wieder bei sich und führte lange Gespräche mit ihr.

Ich wußte um ihre Anhänglichkeit zu unserem mit aller Liebe aufgebauten schmucken kleinen Heim, das sie zu einem ehelichen Idyll ausgebaut hatte. Ich mußte fürchten, daßẞ all dies, was wir uns mühsam und mit Liebe und Geschick auf­gebaut hatten, was zugleich der Ausdruck unserer künstleri­scher Veranlagung war, vielleicht schon zerstört war von unse­ren Widersachern. Ich fürchtete, daß das christliche Gepräge unserer Heimstätte, die Madonnenbilder und kleinen Skulp­turen, das Resultat langjährigen Sammelns und idealer Be­geisterung für Kunst und Kulturwerke, vielleicht schon von den Schergen des Satans, von den SS - Banditen, denen unser Leben und Lebenswandel in Lemberg ein Dorn im Auge war, zerstört sein konnte. Ich mußte annehmen, daß unsere Be­kanntschaften und Freundschaften zu anständigen, unter­drückten polnischen Familien diese in gefährliche Lage ge­bracht haben könnten. Es war der Vorbesitzer der Druckerei darunter, die ich leitete, der seine nächsten Verwandten in meinem Betrieb beschäftigte, und zu denen wir ein inniges Verhältnis hatten, so daß meine Frau die Schwester und Mut­ter des Besitzers, die beide gut deutsch sprachen, mit Mami und Omi anredete. Ich nahm an, daß man ihr, wie vorher mir, bei den Verhören nun den Strick drehen wollte. Ich wußte nur zu genau, daß man uns unsere sonntäglichen Besuche der Bernhardinerkirche, unser stilles Einssein mit Gott, nun zum Verhängnis machen wollte. Ich wußte, daß man ihr, ge­nau wir mir, die Besuche des Lytschakower Friedhofes, der Dominikanerkirche, der alten Klöster und Kapellen, der Got­tesstätten Lembergs, verargte und uns heimlich nachspürte. Ich wußte, daß auch für meine Frau nun das Nachspiel dafür zu erwarten war, daß ich, als wir heirateten, mich an das katholische Pfarramt St. Ludwig in München gewandt hatte und mir dieses Weisung gab, mich an das Pfarramt des augen­blicklichen Wohnortes zu wenden, wenn ich mich wieder ver­heiraten wolle.

Und so kam für mich nur Radom in Polen , damals im so­genannten Generalgouvernement gelegen, in Frage. Der pol­nische Pfarrer lehnte jedoch meine Bitte ab und sagte mir, ich

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