Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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men. Wenn es eine Methode gibt, uns kaputt zu machen, so suchen wir eine Methode, uns zu erhalten. Nein, wir suchen sie nicht, wir haben sie im Herzen.

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,, Glaubst Du an Gott ?", frage ich Otto,, und ob", sagt dieser. ,, Dann sind wir schon einig."..Liebst Du Deine Frau?", frage ich ihn weiter. ,, Ich hab keine", sagt er ,,, aber ich hab eine Schwester, die liebe ich; sie lebt in den bayri­schen Bergen und bei ihrer Familie war ich jedes Jahr, bis vor dem Krieg. Noch einmal möchte ich dorthin, sollten wir wieder rauskommen."

Mit solchen Gesprächen vergehen die Stunden schneller. Es ist nicht mehr kalt. Der ewige Marsch ist durch den Hun­ger kaum zu ertragen. Otto meint, ,, er habe doch recht ge­habt, die Scheibe Kommißbrot aufzuheben". Wir krümeln uns etwas aus dem Brot heraus. Da werde ich von hinten mit einem Schlag ins Genick angefahren und muß eine Runde im Laufschritt überholen. Beim Laufen sehe ich, daß zwei Zebra­leute, achtlos beiseite geworfen, am Wegrand liegen; sie waren schon tot.

Der Überblick über das ganze Gelände war nun ein ande­rer. Ich sehe zum ersten Mal wuchtig große Lettern auf der Stirnseite des im Halbrund zum Platz gebauten Blockflügels, die auf einen einheitlichen Zusammenhang deuten. Lauter einzelne Worte. Auf jedem Block ungefähr ein Wort. Keu­chend, im Laufen, versuche ich, zu entziffern. Es steht da ge­schrieben: Es gibt nur einen Weg zur Freiheit, seine Meilen­steine lauten: Gehorsam, Treue, Wahrhaftigkeit, Mut

Ich machte mir Gedanken darüber. Welche Ironie diese Worte an dieser Stätte bedeuten! Brutalität, Grausamkeit, Gemeinheit, Korruption, Mord, Diebstahl sind die Methoden, mit denen man ins Grab geschaufelt wird. Und die Gemein­heit lästert mit diesen Tugenden!

Als ich die Gruppe erreichte, hatte ich natürlich meinen Platz neben dem Gefährten Otto verloren. Ich war nun in den letzten Reihen und hier sah ich das furchtbare Elend, mit welchem sich die nicht Gehfähigen und Schwerkranken wei­terquälten, zu marschieren, endlos zu marschieren und nutz­los, wie wir dachten. Nein, nicht nutzlos, denn die Gemeinheit der Methode hat auch hier noch einen utilistischen, merkan­tilen Zweck und verdient am Tode dieser geplagten Läufer, verdient an den Qualen dieser Marschierer.

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