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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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Ich bin kein Mensch mehr.

Es war gegen 6 Uhr abends. Draußen wurde es bitter kalt. Es dunkelte zusehends. Das Kommando ertönte: ,, Vor dem Block antreten!" Es war dies die Zeit, da das ganze Lager aufmarschierte; nur durch die Gitter des abgesperrten Blocks konnte man den unheimlichen Aufmarsch unübersehbarer Kolonnen und großer Formationen, Männer in Zebra , knapp erspähen. Die Stunde des großen allabendlichen Lagerappells war da, der hinter verschlossenem Gitter durchgeführt wurde. Was sich nun aber ereignen würde, wußte keiner. Im An­schluß an den Appell sollten wir dem Lagerkommandanten vorgestellt werden. Man ahnte nichts Gutes. Die Zeit zog sich lang hin. Husten und Räuspern waren die einzigen Laute der in eisiger Kälte Wartenden, dazwischen barsche Zurecht­weisungen des Pironje, bis der SS - Blockführer erschien und die Zählung vornahm. Wir wurden in Gruppen sortiert, wie z. B. politische Häftlinge mit roten, Homosexuelle mit rosa, Bibel­forscher mit violetten, Berufsverbrecher mit grünen, Asoziale mit schwarzen Winkeln und Juden mit gelben Sternen, die alle in Gruppen für sich aufgestellt wurden. Als dann nach einein­halb Stunden grimmigen Frierens der Appell vorüber zu sein schien, wurde von dem Rothaarigen die Gittertür zum Ein­gangsblock geöffnet und es ging geradewegs dem Tor zu, durch das wir vorgestern ins Lager gekommen waren. Dort wurden wir, nach unseren farbigen Winkeln gruppiert, vorgestellt.

Der Lagerkommandant, mit umgeschnallter Pistole, begleitet von einigen SS- Leuten, schritt die Reihen ab und frug jeden Einzelnen nach seinem Vergehen. Sehr oft hörte man die Ant­wort: ,, Ich weiß nicht, warum ich hier bin!" Ich sah, daß diese Leute aufgeschrieben wurden. Ich ahnte, daß dies Schlechtes zu bedeuten habe. Ich war nun einmal im Lager und ver­suchte, mich irgendwie mit der Situation abzufinden, und so grübelte ich darüber nach, was für ein Verbrechen ich vor­bringen sollte. Es wollte mir nichts einfallen, was ich hätte sagen können. Doch verstrich die Zeit. Da sah ich einen, der wie zu einer Verteidigungsrede mit den Händen gestikulierte; er wurde von einem hinter dem Lagerkommandanten stehen­den SS- Mann mit einem kleinen, aber offenbar sehr kräftigen Stock auf die Hände geschlagen und dem aufschreienden Häft­ling bedeutet, er wüßte wohl nicht, mit wem er da spräche!

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