Druckschrift 
Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
Seite
259
Einzelbild herunterladen

ag -h

1d le

n- ge nn ch

en

ler

sieben Todsünden, dem Hungrigen das Brot zu verweigern? Im Wartesaal hat das Denkenund Fühlen ausgesetzt, aber nun komme ich zur Be- sinnung. Die Scham treibt mich, dem Manne nachzugehen, aber ich finde ihn.nicht wieder:

Durch die zerbrochenen Fenster dringen das laute Klingeln der Feuer- wehr, die Sirene des Leichenwagens und das wilde Hupen von Autos. Doch wie weit fort ist es von hier, denn in diesem Saal sind nur Men- schen, die darauf warten, davonzukommen.\

Auf dem Bahnsteig steht ein Zug! Der Ruf breitet sich durch den

Saal, Wir stürzen zum Ausgang. Nur heraus aus dem Warten!

Weiter, nur fort! Es wird ein Kampf um die Plätze, um jeden Fußbreit Böden. Wir kommen hinein. Wir sind geborgen! Denn nur noch wenige Stunden trennenuns von der Nacht, und wir wissen Dresden ist eine Stadt des Todes.\;

Wir fahren. Unser Abteil hat noch Fenster. Draußen schneit es, die Scheiben sind milchig verklebt. Wir stehen so dicht gedrängt, daß die_ Menge mich trägt. Selbst wenn ich vor Müdigkeit umfallen. wollte, sie würde mich halten.

Schlafe ich schon oder wache ich noch? Wieder bin ich in jenem selt- samen, zeitlosen Zustand. Im Dunkel der Nacht höre ich Worte, die ich zu träumen glaube. Sie sprechen von Krakau . Dahin ging der Zug, mit dem Willfried zum letztenmal fuhr. Sie sagen etwas von einer Großoffensive, und sie flüstern einander zu:Es geht zu Ende.

Der Zug hält. Berlin ? Es. muß nach Mitternacht sein. Anhalter Bahn- hof! dröhnt der Lautsprecher über den Zug. Also doch Berlin . Dieser zer- bombte ‚Bahnhof ohne Namensschild hätte ebensogut Dresden oder sonst eine Stadt sein können. Der Pfarrer fährt weiter nach Potsdam . Ich will versuchen, zu meinen Freunden nach Dahlem zu kommen.

- Es ist eine Nacht in den letzten Januartagen des Jahres 1945. Der Piarrer reicht mit zum Abschied die Hand. Ich halte sie einen Augenblick länger als sonst. Es drängt mich, etwas zu sagen, was man sonst nicht sagt. Wir sind einen langen Weg zusammengegangen. Nun sind wir im Tal des Todes. Wir stehen auf einem Bahnhof, der keine Station mehr ist. Aber auch jetzt müßte man noch so sprechen wie jene bürgerliche Ge- sellschaft,, von der ich heute im englischen Buch gelesen habe.Auf Wiedersehen! müßte ich sagen.Morgen enle ich zurück nach Hamburg . Nächste Woche können wir wieder reisen."Leben Sie wohl!" sage ich stattdessen diesmal.Dies war unsere letzte Reise. Sie lehrte mich, daß wir in der Verdammnis sind.

Es ist eines der wenigen persönlichen Worte, die-ich mit dem Pfarrer gesprochen habe. Denn in allen Jahren unserer Arbeit sind wir uns fremd geblieben, nur die gemeinsame Aufgabe band uns zusammen.

Der Pfarrer sieht mich ein wenig ratlos an, als müsse er sich erst auf eine Antwort besinnen. Dann beugt er sich vor.Sie wissen doch,"

17*:: 259