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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Ewig neu aber ist die innere Befreiung. Das Freiwerden von Furcht. Welch eine strahlende Helligkeit kann von einem kleinen, unscheinbaren Licht ausgehen. Erst jetzt sehe ich- erst jetzt höre ich! Erst jetzt, da ich einen langen Weg durch das Tal des Todes gegangen bin.

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Wir fahren in ungeheizten Zügen, gehen von Zuchthaus zu Zuchthaus, von Lager zu Lager. Es ist drinnen und draußen kalt. Bin ich zu Hause, so sitze ich eingehüllt in Wolldecken und lese Briefe, höre das Aufheulen der Sirenen wie etwas Unwirkliches.

Sah ich als Kind jenen Zug zerlumpter Kriegsgefangener oder war es nur Traum? Nun tauchen die Bilder der Kindheit wieder auf. Die Schatten der Vergangenheit, angstvolle Kinderträume, nehmen Gestalt an.

In diesem Winter bin ich oft in Berlin . Nie fühle ich mich einsamer als in dem Steinmeer dieser Großstadt, nie verlassener als in den Alarm­nächten, die ich in der zusammengestauten Menschenmenge in einem der Untergrundbahnhöfe verbringe.

Ein Alarm im Untergrundbahnhof Potsdamer Platz ! Da versammeln sich in den Kasematten die prächtigsten Uniformen und die Ärmsten der Armen. Generale, an dem roten Aufschlag des Jacketts erkenntlich, und Arbeiter aller Nationen. Ist Berlin die Stadt der Ritterkreuzträger oder der Zwangsverschleppten?

Die Detonationen der in der Nähe einschlagenden Bomben gehen über die Decke der Kasematten wie eine Welle. Und diese Welle setzt die Massen in Bewegung. Sie strömen aus dem grellen Licht des Untergrund­bahnhofes hinaus auf die Schienen. Das Dunkel nimmt sie auf, verschlingt sie. Wo ist noch der General, wo der Ritterkreuzträger, wo die Dame im Pelz und wo der Mann in zerrissener Arbeitskleidung? Das Dunkel ver­wischt Klassen und Schichten. Führt es die Sozialisierung durch, die im Licht so undurchführbar zu sein scheint?

In der Finsternis des Tunnels hat sich die graue Masse endlich zu­sammengefunden, zum Marsch unter der Erde. Die Menschen werden so lange beisammen bleiben, wie der Tod unmittelbar über ihnen ist.

Flüsternde Stimmen, Kinderweinen, kurze, soldatisch- zackige Sätze, angstvolle Fragen der Frauen, müde Antworten alter Männer, der schleppende russische Sing- Sang der Zwangsverschleppten, andere fremde Laute und die kräftigen Flüche irgendeines Berliners mischen sich zu einem Gesumm, werden zu einer Universalsprache, die niemand versteht und die doch alle sprechen.

Anfang Januar setzt Tauwetter ein, erst rieselndes Naß, dann trüber Regen. Ich fahre mit einem dänischen Konsularbeamten nach Branden­burg. Morgens um acht Uhr verläßt der Zug Berlin . Es gibt Alarm, Tief­fliegerangriff, irgendwo Bomben. Fünf Stunden sind wir unterwegs. In alten Zeiten wäre es zu Pferde schneller gegangen.

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