„Einige Norwegerinnen und Däninnen sind im Frauengefängnis; be- . suchen Sie uns bald!“ 3
Mir ist leicht und frei zumute wie am Morgen— da war es das Wieder- sehen mit unseren Freunden, nun am Abend ist es die Begegnung mit dem
freil Keine Ferien! ich arbeite weiter nach Büchern. Täglich zwei Stunden x
— und sei es auch im Zug oder Wartesaal. Die Sträucher sind im ersten Grün; die Bäume haben zarte Knospen. Es wird Frühling.; 5 v Wir stehen in überfüllten Zügen. Manchmal gelingt es, noch einen vierten Platz zu bekommen, aber die aufgeschlagene Lehne drückt im
Rücken. Man wird steif vom krummen Sitzen. D-Züge, Personenzüge und Kleinbahnen. In fliegender Fahrt oder im rumpelnden Trott.geht es än den,
frischgepflügten Feldern vorbei. 3 Es wird Frühling, doch liegt nicht schon über dieser atmenden, werden- den Erde das Warten auf die Panzer, die sie zerwühlen, auf Granaten, die sie zerfetzen werden? Wird sich der warme Regen nicht in Blut und Tränen wandeln? Noch sind die Panzer weit fort von den deutschen Grenzen. Der Zug fährt vorbei an Wiesen, Weiden und Knicks. Die Kätzchen blühen; ich sehe sie schon gebrochen! Ich schließe die Augen und denke an das nächste Ziel————.=: 0 - Wir fahren'nach Mecklenburg : Bützow , Neubrandenburg und Wismar . Wir fahren nach Coswig und Waldheim , nach Halle und Cottbus . Wir gehen über morastige Wege, über betonierte Straßen. Wir sind in Flugzeughallen, wo.der Donner der Motoren unsere Worte verschlingt. Wir gehen über das
- steinige Pflaster von kleinen, yerschlafenen Städten. Wir hasten über den
Asphalt von ‚Berlin , Mit der Verlegung der skandinavischen Gefangenen von Hamburg und Rendsburg wird der Weg immer weiter und beschwer- licher. 3 i
Sie warten. Wir können nicht bei allen zugleich sein. Die Grüße, die ich.
in Briefe an Gefangene schreibe, werden häufiger. Keine politischen Ab- handlungen oder Neuigkeiten, oftmals nur wenige Worte, manchmal ein längerer Brief. Beide sagen dasselbe: Ihr seid nicht- vergessen. Wir warten
mit euch. Y
Die Osterwoche verbringe ich zu Hause. Über die Feiertage ist der Zug- verkehr eingestellt. Seltsam gespannt ist die Stimmung in Hamburg , Tag und Nacht Alarm. Alle warten darauf, daß etwas geschieht. Die Invasion muß kommen. Aber wo? Gerüchte von Luftlandungen in der Nähe Ham- burgs werden ausgestreut. Wohin ich auch auf meinen Reisen komme, wird von Luftlandungen gesprochen. Jeder glaubt, es sei in seiner Gegend.
In dieser Woche ohne Reise empfinde ich, welch ein Sklave des Bunkers wir geworden sind. Alarm— zwei Stunden Bunker— Entwarnung— zwei Stunden Ruhe— Alarm— wieder eine Stunde Bunker. Damit allein ist es
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