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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Fühlt sie, wie er nun Stoff zum Nachdenken hat, wie sie in ihm das be- freiende Bewußtsein weckt, daß es einen Weg zurück gibt zurück zum strohdachgedeckten Haus!

Ich drehe ein wenig an dem Schirm der Lampe . Es wird dunkel über dem Notenbild. Die Melodie, mit einem Pinsel in einen zarten Frühlings- - himmel getupft, wird vom Schatten der Gegenwart verwischt.

Die Briefe aus Norwegen sind fertig gebündelt. Ein Brief liegt zuoberst, ausgewaschen von blauen und braunen Streifen, von Zeichen und Stempeln. Die Schrift ist so zittrig, daß sich die einzelnen Striche der Buchstaben wellen. Er ist schon lange unterwegs, vier Monate alt. Im zerknitterten Umschlag liegt nur ein kleiner Bogen. Steifes weißes Papier, sorgsam zu- sammengefaltet, so daß der Knick gebrochen ist. Nur wenige Zeilen:Die Tage sind hell, und Lars hat ein neues Boot für-Dich gekauft.. Es liegt im Hafen und wartet auf.Dich wie Deine liebe Mutter Oline.

Im Juli schrieb sie den Brief den zweiten in ihrem Leben! Die Tage waren hell im Juli. Jetzt sind sie dunkel.

Es müssen sechs Wochen her sein, seit Ole zum letztenmal schrieb. Ich

sehe die braunen Briefe durch. Und wirklich! Es liegen einige Briefe aus dem Torflager Schülp dabei. Da ist Holgers Schrift, oder ist sie es nicht?

Sie hat sich verändert. Sie ist zittrig wie die Schrift eines alten Mannes.

Und da ist Ole! Ich überfliege seinen Brief:Mutter, sage Lars, daß er das Boot nicht zu kaufen braucht. Vergiß nicht Deinen lieben Sohn Ole.

Die Buchstaben laufen nach rechts und nach links wie zitternde Kinder, als ob es sehr lange gedauert habe, bis dieser Brief fertig gewesen ist. Er schreibt nicht wie sonst:Mir geht es gut.

In den Briefen aus dem Moor muß man mehr als in allen anderen Briefen zwischen den Zeilen lesen können, denn kein Brief verläßt Schup der nicht zuvor von Wenck zensiert worden ist.

Zuunterst entdecke ich die kleine geschwungene Handschrift von Baard. Unter dem Brief ist eine Nachschrift, hastig geschrieben:Es geht mir so wie Dir, Karen!

Es geht Baard wie Karen? Karen ist krank. Es muß schlecht stehen im Moorlager Schülp! Wir sind_im Oktober zuletzt dort gewesen. Ich mache eine Eintragung in mein Notizbuch.

Fallende.Blätter draußen. Sie streifen die Erde wie die Schritte des Todes. Die Lampe brennt. Brief um Brief;wird gelesen. Es ist weit nach Mitternacht. ä=

Wir warten", schreibt Eilif aus Lübeck .

Wir warten, schreibt Rolf aus Himmelmoor.

Sie warten auf Briefe. Sie warten auf unseren Besuch. Sie warten auf den Tag der Befreiung. Doch in den Briefen, die ich heute aus dem Moor- lager Schülp bekommen habe, steht nichts vom Warten.

Da kommen Sie zu spät! Den können Sie nicht mehr sprechen.

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helle

wen